consilium - DER PÄDIATRIE-PODCAST - Folge #71 - 29.05.2026
consilium – der Pädiatrie-Podcast
mit Dr. Axel Enninger
Augenheilkunde – warum gutes Screening so wichtig ist
Axel Enninger: Mein Gesprächspartner heute ist Herr
Prof. Dr. wolf Lagrèze
DR. AXEL ENNINGER…
… ist Kinder- und Jugendarzt aus Überzeugung und mit Leib und Seele. Er ist ärztlicher Direktor der Allgemeinen und Speziellen Pädiatrie am Klinikum Stuttgart, besser bekannt als das Olgahospital – in Stuttgart „das Olgäle“ genannt.
Axel Enninger: Herzlich willkommen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, zu einer neuen Folge von consilium, dem Pädiatrie-Podcast. Heute sprechen wir mit Professor Wolf Lagrèze. Herzlich willkommen, Herr Lagrèze.
Wolf Lagrèze: Ja, ich freue mich sehr. Herzlichen Dank für die Einladung.
Axel Enninger: Ich stelle Sie kurz vor. Sie sind Facharzt für Augenheilkunde und Professor an der Universität in Freiburg. Sie sind Lehrstuhlinhaber für Neuroophthalmologie und Kinderophthalmologie und damit ist der klare Link zu uns Kinder- und Jugendärzten gegeben. Das ist nicht so häufig, oder? Kinderophthalmologen gibt es nicht so viele.
Innerer Auftrag Kinderophthalmologie
Wolf Lagrèze: Also, als ich vor, ja, ungefähr 30 Jahren mit der Augenheilkunde anfing, gab es das gar nicht. Da gab es auch das Wort gar nicht, und ich habe es tatsächlich erst in den USA kennengelernt, weil ich damals eher strabologisch fachlich unterwegs war. Dort haben die Strabologen auch Kinder mit organischen Augenerkrankungen operiert. Ich hab gefragt: ‚Was macht ihr?‘ Sie haben gesagt: ‚We are pediatric ophthalmologists.‘ Das hat mich sehr begeistert, das macht auch Sinn. Dann war es einer meiner inneren Aufträge für mich, das in Deutschland auch zu verbreiten. Ich glaube, das haben wir einigermaßen gut hingekriegt, aber es ist ein Weg und es geht nicht um Ziele, sondern den Weg gut weiterzugehen. Und das machen wir ja gerne zusammen mit den Kinderärzten. Deswegen freue ich mich heute besonders.
Axel Enninger: Ja, sehr gut. Also, damit haben Sie schon kurz angedeutet, Sie waren klinischer Fellow in Harvard und haben da Neuroophthalmologie gelernt und haben diverse Schwerpunkte, die ich jetzt gar nicht alle nenne. Da sind natürlich auch Kinderschwerpunkte dabei, aber Sie sind auch Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Strabologie, Neuroophthalmologie und Kinderaugenheilkunde. Was ist das denn?
Wolf Lagrèze: Ja, das ist ein langes Wort-Ungetüm. Aber wir kürzen gerne ab, also die GSNK, das sind knapp 200 Augenärztinnen und Augenärzte, die Mitglieder dieser Gesellschaft sind. Das sind letztendlich diejenigen, die an den 37 deutschen Uni-Augenkliniken die Strabologie und die Neuroophthalmologie und eben auch die Kinderthematik vertreten. Sie sind unter dem Dach dieser Gesellschaft und treffen sich einmal im Jahr zu einem wissenschaftlichen Kongress und kümmern sich um die Weiterbildung und Ausbildung in dem Bereich auf unseren nationalen und auch europäischen Kongressen.
Axel Enninger: Wunderbar. Sie haben vorhin schon gesagt, dass Sie dieses Thema Kinderophthalmologie sehr bewegt. Man hat fast das Gefühl, Sie haben da eine gewisse Mission oder einen inneren Auftrag. Wie kam das denn?
Ideal: Indikation, Chirurgie und Nachbetreuung „aus einer Hand“
Wolf Lagrèze: Ach, das ist, glaube ich, eine ganz persönliche Perspektive. Es gibt jetzt keine Erblast – als Kind geschielt oder so etwas – sondern es war einfach so, dass ich gesehen habe, dass speziell in Deutschland die Strabologen die Kinder versorgen. Strabismus macht Amblyopie und das ist ein Thema des Kindesalters. In den ganzen Ambulanzen war es dann aber so, sobald ein Kind mit einer genetischen oder mit einer entwicklungsbedingten Augenerkrankung kam – da gibt es ja unglaublich viel an seltenen Erkrankungen – oder mit Dingen wie kongenitaler Katarakt, Glaukom, dann verschwanden sie immer aus diesen strabologischen Abteilungen und dann hat ein Erwachsenen-Ophthalmochirurg sich meistens um das Problem gekümmert, hat operiert und dann war es aber auch vorbei. Dann gab es immer so eine Art Bruchstelle in der Weiterversorgung, denn die OP ist ja das eine, aber in einem Organ, das sich noch entwickelt oder in einem, sag ich mal, noch neurosensorisch formbaren Gehirn ist es ja wichtig, dass man gerade in der Anschlussphase die Kinder sehr, sehr gut betreut. Ich bin sehr froh, dass wir das hier in Freiburg sozusagen „aus einer Hand“ anbieten können. Wir können das Chirurgische, aber eben auch die Indikationsstellung und die Nachbetreuung der Kinder gewährleisten und so sollte es eigentlich sein.
Axel Enninger: Es ist ja bei der ein oder anderen, sag ich mal, Erwachsenenmedizin-Spezialität so, dass da eine gewisse Angst vor Kindern herrscht. [Lachen.] ‚Ich beherrsche dieses oder jenes, aber eigentlich habe ich ein bisschen Angst vor den Kindern mit einem Stall voll Problemen.‘ Davon gibt es ja bei uns relativ viele Kinder, die an ganz vielen verschiedenen Organsystemen Baustellen haben.
Wolf Lagrèze: Da haben Sie Recht, das höre ich von meinen Fachkollegen oft: ‚Oh Kinder‘, und dann sagt man auch: ‚Kinder – sehr schwierige Patienten‘. Ich persönlich erlebe das ganz anders. Ich finde, Kinder sind total angenehme Patienten. Ich habe meistens irgendwie oft einen direkten Draht und empfinde jetzt auch das Elterngespräch als normal und konstruktiv, aber das sieht nicht jeder so und viele der augenärztlichen Kollegen mögen, sag ich mal, die „Neuro-Themen“, die hinten am Auge dranhängen, auch nicht so. Es erzeugt so einen Reflex: ‚Oh, Neuro ist kompliziert, da lass ich mal die Finger davon‘. Strabismus und „Neuro“ ist ja auch relativ nah beieinander. Was ich halt schön und wichtig finde ist, dass ich jetzt in der Kinderophthalmologie Weichen stellen kann am Anfang des Lebens und nicht am Ende des Lebens. Es geht ja am Ende des Tages um die Lebensqualität und letztendlich das Integral der Lebensqualität über die Lebenszeit. Es ist etwas anderes, ob ich jetzt bei einem siebzig- oder achtzigjährigen Menschen den grauen Star operiere oder bei einem 3 Monate alten Säugling. Ich glaube, das erklärt sich von alleine und deswegen ist natürlich ein hoher Sinngehalt dahinter.
Das „kleine Fach Ophthalmologie“ ist im Grunde groß
Axel Enninger: Also, ich denke, dass der Großteil unserer Zuhörerinnen und Zuhörer ja auch Kinder- und Jugendärzte sind.
Wolf Lagrèze: Genau, die werden uns nicht widersprechen.
Axel Enninger: Genau, da werden wir nicht widersprechen. Das ist ja Teil unserer endogenen Motivation, Kinder- und Jugendärzte zu sein. Aber die Augenärzte haben bestimmte Vorstellungen davon, was wir Kinder- und Jugendärzte so machen sollen und screenen und testen sollen. Da geht es uns vielleicht so ein bisschen wie den Augenärzten, nur umgekehrt, dass wir denken: ‚Um Gottes willen, Auge, das ist aber irgendwie kompliziert, und richtig gelernt habe ich das in meiner Facharztausbildung auch alles nicht, und jetzt soll ich das irgendwie machen?‘ Da geht es uns vielleicht ein bisschen ähnlich, nur umgekehrt. Was sind denn Ihre Wünsche an uns, beziehungsweise nicht nur Wünsche, sondern was denken Sie denn, was wir tun können, müssen.
Wolf Lagrèze: Ja, also, vielleicht, dass Augenärzte und Kinderärzte häufiger miteinander reden und sich gegenseitig fortbilden, sowohl im kleinen Kreis, im direkten Kontakt, in Qualitätszirkeln oder auch auf den großen Kongressen. So wie wir das ja auch gemeinsam gemacht haben bei InfectoPharm. Ich freue mich, dass ich regelmäßig beim Pädiatrie-Update eingeladen bin. Ich glaube, das sind wichtige Plattformen, denn es gibt so eine Sollbruchstelle, genau wie Sie gerade sagen. Der Kinderarzt hat in seiner Weiterbildung null ophthalmologische Inhalte und auch im Studium ist es ja so, dass die Ophthalmologie so ein kleines Fach war. Im Examen sind es 4 Fragen und dann gibt es vielleicht 2 Wochen Blockpraktikum. In Wirklichkeit ist es ja ein Riesenfach und ich glaube, es ist wahrscheinlich das Fach – korrigieren Sie mich – mit den meisten Patientenkontakten. In einer Klinik wie der unsrigen gehen am Tag 300 Patienten durch, und ich glaube, im Jahr sehen wir 70.000 Patienten. Die am häufigsten durchgeführte Operation ist in Deutschland die Kataraktoperation mit einer knappen Million im Jahr. Also, da ist das kleine Fach von den Fallzahlen vielleicht sogar das größte Fach. Aber im Studium kriegt man es eigentlich nicht richtig mit.
Behandlung von Kindern – gesundheitspolitische Dimension
Axel Enninger: Nichtsdestotrotz gibt es eine G-BA-Richtlinie, mit der wir Kinder- und Jugendärzte konfrontiert werden. Und da steht, bei U2, U3, U4 Transilluminationstest, bei U5, U6, U7 Brückner-Test und danach steht da Visus-Test. Das müssen wir irgendwie hinkriegen.
Wolf Lagrèze: Also, vielleicht erstmal so ein allgemeines Statement. Ich bin ja den Kinder- und Jugendärzten unglaublich dankbar, dass sie sich darum kümmern – um die Augen- oder Sehgesundheit der kleinen Patienten, denn die Augenärzte machen das selten und oft nicht so gerne. Wir alle wissen, wenn man herumtelefoniert und einen Termin beim Augenarzt braucht, hört man nicht selten: ‚Ja, Kinder unter 6 Jahren nehmen wir nicht.‘ Es ist wahnsinnig schwierig, und die Augenheilkunde hat sich ja diesem Screening-Thema, ich denke mal, bewusst entzogen. Das ist in Deutschland so gewachsen, das läuft in jedem europäischen Land anders. Wer sich da mal einfuchsen will, kann mal im Internet bei https://eucreen.eu gucken zum Thema Hören und Sehen, da gibt es spannende Publikationen. Es läuft wirklich in jedem Land anders, aber in Deutschland ist es halt so und deswegen ist es, glaube ich, wichtig, dass wir Augenärzte den Kinderärzten, ja, ein paar Informationen geben, worauf man achten muss, denn sie haben ja die Verantwortung das zu erkennen. Die Versorgungssituation, dazu möchte ich vielleicht auch ganz kurz ein paar Worte sagen. Ich gucke jetzt mal nach Berlin, wo die KV ihren Vertragsaugenärzten gerade ein Schreiben geschickt und gesagt hat: ‚Wir sehen, dass Sie kaum Kinder angucken.‘ Und sie haben auch mit disziplinarischen Konsequenzen gedroht, dass sich diese Situation verbessert. Also, es ist auch eine gesundheitspolitische Dimension in der Diskussion. Es ist nicht gut, wie das läuft und viele augenärztliche Praxen werden heutzutage im Rahmen, ja, großer Ketten betrieben, und da sind, sag ich mal, andere Krankheitsbilder im Fokus.
Axel Enninger: Da könnte man bei aller Kritik, die wir immer wieder mal an den KVen äußern, sagen, es scheint mal eine vernünftige Initiative zu sein, wenn eine KV sagt: ‚Hört mal, wo sind denn die Kinder? Liebe Augenärzte, das ist Teil eures Jobs, kümmert euch bitte!‘ Diese Privatisierung durch Ketten ist ja gerade in der Augenheilkunde auch etwas, wo wir immer sagen, in der Pädiatrie würde das nie vorkommen, weil da nicht so viel Wertschöpfung zu holen ist. Aber lassen Sie uns zur Medizin zurückkehren. Was ist denn wichtig, was darf uns nicht durch die Lappen gehen?
Der Brückner-Test ist preiswert, schnell, hocheffektiv: So geht‘s
Wolf Lagrèze: Wichtig ist, dass man kein Retinoblastom übersieht, dass man eine kongenitale oder frühkindliche Katarakt nicht übersieht. Glaukom ist schon ein bisschen schwieriger. Und tatsächlich, der gerade von Ihnen angesprochene Transilluminations- oder Brückner-Test, dazu würde ich gerne ein paar Worte sagen. Vom optischen Prinzip her ist es das Gleiche, diese beiden Wörter sind synonym. Man meint nur mit dem Brückner-Test, dass man dabei beide Augen gleichzeitig anguckt, und mit dem Transilluminationstest fokussiert man sich mental auf ein Auge, aber von der Sache her ist es das Gleiche. Dieser Test ist ganz, ganz wertvoll, weil man ganz wenig braucht, weil er schnell ist, weil er billig ist und weil er hocheffektiv ist. Vielleicht ist das hier eine schöne Gelegenheit, dass ich ihn einfach mal kurz erkläre. Also, man leuchtet mit einer Lichtquelle ins Auge hinein und – das kennt man ja vom Fotografieren mit solch einer kleinen Kompaktkamera – da gibt es die roten Pupillen. Das heißt, es wird Licht aus dem Auge zurückgestrahlt und man guckt sich an, was zurückgestrahlt wird. Das kann man als Kinderarzt oder Kinderärztin mit einem Otoskop machen. Aber ich mache es lieber mit einem Ophthalmoskop. Das sind diese kleinen, akkubetriebenen Geräte, die man in der Hand hält, wo man oben etwas aufklickt, mit dem man entweder in die Ohren guckt oder in die Augen. Ich bevorzuge das Ophthalmoskop. Warum? Weil es eine kleine Rändelschraube hat, mit der ich fokussieren kann. Da kann ich kleine Linsen rotieren lassen, damit das Bild, das ich sehe, scharf ist. Ich muss diesen Test aus verschiedenen Entfernungen machen und deswegen muss ich an dieser Rändelschraube drehen. Es wäre toll, wenn jeder das hätte. Dann ist es ganz wichtig – und das wissen viele Kolleginnen und Kollegen nicht – dass man einen total abgedunkelten Raum dafür haben muss. Sonst kann man diesen Fundusrot, diesen Pupillenrot-Reflex gar nicht richtig sehen. Das ist schon ein bauliches Problem, denn wir brauchen ein Untersuchungszimmer, das man komplett abdunkeln kann. Ein Vorhang reicht dann nicht, sondern man braucht eine richtig lichtdichte Jalousie oder einen lichtdichten Vorhang.
Axel Enninger: Darf ich kurz dazwischenfragen? Wenn ich das in einem nicht gut abgedunkelten Raum mache und ich sehe es orange leuchten, könnte ich doch sagen: ‚Alles wunderbar, da muss ich doch nicht abdunkeln.‘ Oder ist das falsch?
Wolf Lagrèze: Es ist so: Man macht diesen Test aus drei Entfernungen, weil man verschiedene Dinge erkennen möchte. Wenn man den Transilluminationstest macht, macht man ihn aus 30 Zentimetern. Da hätte ich kein Problem damit, wenn ein bisschen Restlicht hineinkommt. Wenn ich es orange leuchten sehe, dann weiß ich, da ist keine Linsentrübung. Das ist total okay. Bei Schielen wird es schon anspruchsvoller, da mache ich den Test aus 1 m Entfernung. Das Auge, das abweicht, also das Schielauge, hat ein etwas helleres Orange. Da muss ich ja beide Orangetöne vergleichen, und je dunkler es ist, desto besser kann ich das wahrnehmen, desto besser ist mein Kontrast, den ich wahrnehmen kann. Dann sollte man diesen Test auch aus 3–4 m Entfernung machen, weil man da die sogenannte Anisometropie erkennen kann, also die ungleiche Brechkraft der Augen. Zum Beispiel, wenn ein Auge mit +3 Dioptrien mittelgradig weitsichtig ist und das andere Auge mit +1 Dioptrie vielleicht nicht so sehr. Das guckt man sich dann aus 3–4 Metern an. Dazu braucht man erst einmal ein ausreichend langes Zimmer und das erkenne ich nur, wenn es richtig stockdunkel ist. Sonst klappt es nicht.
Axel Enninger: Okay, dann lassen Sie uns da kurz einhaken. Also alle Kinder- und JugendärztInnen, die demnächst ihre Praxis umbauen, denken Sie daran: Eine Verdunkelung ist kein Luxus, der irgendetwas mit dem Klimawandel zu tun hat, sondern für die Qualität der Augenuntersuchung wäre es super, Sie würden bei der nächsten Renovierung einfach eine blickdichte Jalousie einbauen. Oder wenn ich eine neue Praxis einrichte, dann denke ich auch gleich daran. Die dunkle Besenkammer ist wahrscheinlich nicht 4 m lang.
Wolf Lagrèze: Genau. Die ist schon mal ganz gut, weil sie wahrscheinlich echt dunkel ist, aber sie ist vielleicht nicht lang genug. Und jetzt gibt es noch ein Problem: Kein Augenarzt kann oder macht den Brückner-Test, weil sie andere Geräte haben. Sie brauchen den nicht und deswegen ist es für Kinder- und Jugendärzte so schwierig, einen Augenarzt zu finden, der das erklärt. Aber deswegen reden wir heute miteinander.
Axel Enninger: Okay, sehr gut. Also, wir haben schon mal festgestellt: Wir brauchen verschiedene Entfernungen, wir brauchen es dunkel, wir brauchen ein Ophthalmoskop. Und wo lerne ich denn, wie ich das mache, außer dass Sie es jetzt gut erklären?
Wolf Lagrèze: Ja, okay, was würde ich machen?
Axel Enninger: Im Zweifelsfall brauchen wir vielleicht auch Videos oder so etwas.
Wolf Lagrèze: Das Problem ist, man kann es so schlecht filmen, weil man dann durch das Ophthalmoskop filmen müsste. Aber es gibt auf YouTube einiges, genauso wie es für Augenärzte einiges gibt zum Skiaskopieren, denn das können viele Augenärzte auch nicht, obwohl man es können müsste.
Axel Enninger: Was ist Skiaskopieren?
Wolf Lagrèze: Das ist die Brechkraftbestimmung, also die Brillenwertbestimmung bei Kindern mit einem optischen Gerät, das so ähnlich ist wie der Augenspiegel. Das ist etwas, das eine Orthoptistin macht, und das ist eine sehr anspruchsvolle Untersuchung, vielleicht die anspruchsvollste Handarbeit, die wir in der Augenheilkunde im diagnostischen Bereich haben. Aber man findet es auf YouTube unter „Brückner-Test“ oder „retinal illumination test“. Da kann man sich fortbilden. Jetzt konkret für unsere Zuhörer würde ich sagen: Jemand aus der Praxis, Arzthelferin, irgendjemand aus dem Team, der setzt sich mal auf den Stuhl, man selbst schnappt sich dann als Untersucher das Ophthalmoskop, leuchtet damit in die Augen, dreht an der Rändelschraube, bis man die Augen scharf sieht und betrachtet einfach mal das Fundusrot, die rote Pupille. Dann guckt man sich ein Auge an, dann vergleicht man beide Augen miteinander und dann sieht man schon, wie das geht. Es ist eigentlich total einfach, man braucht überhaupt keine Angst davor zu haben. Einfach machen! Also, ich glaube, der erste Schritt ist: Abdunkeln, das Gerät in die Hand nehmen und einem Teammitglied mal damit in die Augen gucken.
Wann und worauf testen?
Axel Enninger: Okay, und das mache ich in 0,3 m, das heißt dreißig Zentimeter, 1 Meter, 4 Metern.
Wolf Lagrèze: Genau, wobei wir da vielleicht ganz kurz noch ergänzen müssen: Die 0,3 m, das ist der Transilluminationstest, das machen wir nur bei der U2, bei der U3 und bei der U4. Die anderen Themen wie Schielen kommen ja etwas später, und das Thema Anisometropie, was ja die häufigste Ursache für Amblyopie ist, da würde es mir persönlich reichen, wenn man das auch mit 2 Jahren erst entdeckt. Also, das muss nicht gleich am Anfang passieren.
Axel Enninger: Okay, also am Anfang ist es tatsächlich die trübe Linse. Das ist das, was man bei der U2 macht.
Wolf Lagrèze: Genau. Das ist auch, wenn ich jetzt an meine Facharztausbildung zurückdenke, das Einzige, was man mir mal so beigebracht hat: Bei der U2 musst du gucken, ob die Linse trüb ist. Fertig, mehr habe ich nicht gelernt.
Wolf Lagrèze: Genau richtig so, und das gilt für die U3 und die U4 genauso.
Strabismus abklären
Axel Enninger: Aber bei älteren Kindern, haben Sie gesagt, wollen wir eben mehr sehen. Strabismus will ich in welchem Alter entdecken oder spätestens in welchem Alter entdecken?
Wolf Lagrèze: Also, bis zum vierten Lebensmonat schielt jedes Kind mindestens phasenweise – das ist physiologisch – und das muss es auch, damit das System lernt. Das Gehirn lernt, was Nicht-Schielen bedeutet. Deswegen muss das „on & off“ stattfinden und bei den meisten schnackelt es sich ein, dass sie dann eben nicht mehr schielen. Wenn ein Kind im ersten Lebenshalbjahr dauerhaft schielt, sollte auch ein Augenarzt gucken, wenn man es erkennt. Wenn das Schielen ab dem zweiten Lebenshalbjahr da ist, muss das abgeklärt werden. Das kann man nicht auf die lange Bank schieben. Ich erinnere mich an Gerichtsprozesse, wo das Problem war, dass die Eltern sagten: ‚Ja, überweisen Sie mich doch mal zum Augenarzt‘, und der Kinderarzt sagte: ‚Ach nee, es ist nur ein Kinderschielen, das ist harmlos‘, und dann war es aber doch ein Retinoblastom. Das will man nicht versäumen. Also ab Lebensmonat 6 muss dauerhaftes Schielen unmittelbar beim Augenarzt abgeklärt werden. Das ist eine ganz klare Sache.
Axel Enninger: Okay, das ist doch schon mal eine gute Aussage. Und bis zum Alter von 4 Monaten haben Sie gesagt, ist intermittierendes Schielen erst mal okay.
Wolf Lagrèze: Ja, genau.
Axel Enninger: Und vierter bis sechster Monat?
Wolf Lagrèze: Das ist so die Übergangsphase. Wir haben ja alles so ein bisschen gleitend in den Entwicklungsstufen.
Axel Enninger: Okay, aber Ihr Credo war ganz klar, älter als 6 Monate, dauerhaftes Schielen: zum Augenarzt. Nicht abwarten, sondern her mit der Überweisung.
Wolf Lagrèze: Genau, genau, da muss geguckt werden, ob es eine organische Ursache für das Schielen gibt. Das Schlimmste wäre das Retinoblastom, das will man nicht übersehen. Ansonsten, wenn es ein gewöhnliches frühkindliches Schielen ist, ist da auch keine Eile drin, denn die daraus resultierende Amblyopie kann ich bis zum dritten Lebensjahr gut behandeln, das ist kein Notfall. Aber ich muss halt die organische Augenerkrankung ausschließen. Es können auch so Dinge sein wie eine Optikus-Hypoplasie, es gibt ein breites Spektrum.
Axel Enninger: Okay. Sonst noch Kommentare, die Sie zum Brückner-Test sagen würden? Das Credo war ganz klar. Dunkler Raum: Nr. 1, Ophthalmoskop: Nr. 2, einfach machen, keine Angst haben: Nr. 3. Noch irgendetwas, das Sie den kinderärztlichen Kollegen mitgeben wollen?
Wolf Lagrèze: Nö, das war es. Ich denke, dass wir später noch über das PlusOptiX reden werden.
Axel Enninger: Ja, das ist eine gute Überleitung. Hätte ich jetzt gefragt.
Wolf Lagrèze: Dann starten wir mit dem Thema.
Bei Screening-Geräten die Einstellungen beachten
Axel Enninger: Genau, also wenn man sich auf diesen kinderärztlichen Kongressen herumtreibt, sieht man diverse Firmen, die diese Screening-Geräte anbieten. Was sollen die denn können oder was können sie und was können sie nicht? Und was sind da die Fallstricke, die Sie aus augenärztlicher Sicht sehen?
Wolf Lagrèze: Ja, also ich habe das Gefühl, dass fast alle Kinder- und Jugendärzte solch ein Gerät hat. Wenn ich mal herumfrage, dann melden sich die meisten und sagen: ‚Ja, wir haben das und wir machen das‘. Dann ist es entweder im Rahmen vom Strukturvertrag abrechenbar oder es ist eine IGeL-Leistung, aber das ist jetzt mal egal, darüber reden wir nicht. Sondern: Was kann diese Maschine? Und das Wichtigste, glaube ich, ist: Es ist kein Refraktionsmessgerät, also es ist kein Autorefraktor. Unter Refraktion verstehen wir Augenärzte die Brillenbestimmung, also dass da eine Zahl herauskommt, die ich aufs Rezept schreibe, damit zum Optiker gehe und mir eine Brille machen lasse. Das kann das Ding nicht. Es gibt solche Maschinen, aber das geht erst bei älteren Kindern, so ab 5–6 Jahren.
Axel Enninger: Also noch mal, Entschuldigung, wenn ich so blöde Fragen stelle, aber ich kenne mich da echt nicht aus. Autorefraktor ist das, was ich beim Augenoptiker sehe, der mir so ein Ding hinhält und wo man grob guckt, wie fehlsichtig ich denn bin, richtig?
Wolf Lagrèze: Ja, oder gar nicht mal grob, sondern auch sehr präzise guckt. Das ist meistens so ein Ding, wo ich mein Kinn drauflege, die Stirn vorne dran, und da muss ich irgendwie so einen Luftballon in der Ferne fixieren, der ist dann mal scharf, mal unscharf. Dann misst das Gerät es automatisch, oftmals sogar integriert mit einer Sehschärfeprüfung, wo ich Zahlen vorlesen muss. Das ist eine präzise Messung, das ist dann ein Autorefraktor.
Axel Enninger: Und das sind diese PlusOptiX-Dinger nicht?
Wolf Lagrèze: Das ist es nicht, sondern das ist eigentlich – ich hatte ja gerade kurz über die Skiaskopie gesprochen – das PlusOptiX ist ein automatisiertes Skiaskop, aber es kann manche Dinge nicht. Es ist zum Beispiel jetzt nicht sehr gut darin, eine Zylinderachse zu erkennen oder auch die Weitsichtigkeit zu erkennen. Und was der Kinder- und Jugendarzt nicht machen kann, ist die Pupille weit zu tropfen, oder er macht es nicht. Und wenn ich das nicht mache, dann kann ich die Akkommodation nicht kontrollieren. Wenn ich aber die Pupille weit tropfe, was der Augenarzt macht, um die Akkommodation auszuschalten, dann kann dieses Gerät nicht mehr gut den Zylinder erkennen. Das sind jetzt Details, aber das Gerät hat seine Limitationen. Und die Zusammenfassung von dem Gesagten wäre: Es ist ein Screening-Instrument, es ist kein Diagnostikinstrument, und deswegen muss man sich da über die Sensitivität und die Spezifität unterhalten. Denn beim Screening wollen wir ja nicht nur sensitiv, wir wollen in erster Linie spezifisch sein. Also wir wollen die Gesunden erkennen und ausschließen, dass die nicht weiter betreut werden müssen. Und was, glaube ich, sehr wichtig ist: Wenn dieses Gerät ausgeliefert wird, hat es sozusagen Werkseinstellungen, und die sind sehr sensitiv, aber nicht spezifisch. Das heißt, es schlägt schnell an, sagt sozusagen „krankhaft“ oder „auffällig“, und dann denkt man: ‚Hey Mist, ab zum Augenarzt‘.
Axel Enninger: Und dann kriegen die Augenärzte zu viel zu tun.
Wolf Lagrèze: Genau.
Axel Enninger: …und sagen: ‚Alles heile, war nicht gut gemessen‘.
Wolf Lagrèze: Oder wer es geschafft hat, zum Augenarzt durchzudringen, der kriegt dann gesagt, es wäre nicht nötig gewesen. Und deswegen ist es mir wichtig, und das können wir vielleicht auch in die Shownotes hineinbringen, das haben wir Augenärzte nämlich auch mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte diskutiert. Wir haben die Schwellenwerte, die man an dem Gerät einstellen soll, mal aufgeschrieben. Also, das ist für den Astigmatismus: alles > 1 Dioptrie, Anisometropie: ≥ 1,5 Dioptrien und Hyperopie, also Weitsichtigkeit: ≥ 1,75.
Axel Enninger: Also, das stelle ich ein, und dann sagt mir das Gerät „auffällig“ oder „nicht auffällig“?
Wolf Lagrèze: Genau, und dann ist das Gerät nicht mehr ganz so sensitiv, aber spezifischer. Ich habe überhaupt nichts gegen das Gerät, ich finde es super, dass es das gibt, aber ich glaube, man muss einfach die Grenzen kennen.
Empfehlenswert: Visus-Test im Alter von 4 Jahren
Wolf Lagrèze: Und dann ist auch oft die Frage, wie oft soll ich es denn machen oder zu welchem Zeitpunkt. Und das muss ich ganz klar sagen: Wenn ich jetzt eine Einzelfallbetrachtung habe, also wenn ich mir überlege, Mensch, für mein Kind, was wäre denn das Beste, was ich machen könnte, dann würde ich das schon irgendwie so ab ein, zwei Jahren mal machen. Aber wenn ich jetzt im G-BA säße oder für das IQWiG arbeiten würde und es jetzt durch die gesundheitsökonomische Brille sehen würde, dann würde ich sagen: Wir haben keinen Beweis einer Kosten-Nutzen-Effektivität für dieses Fotoscreening. Das muss man klar sagen. Das sieht auch das IQWiG so und das ist auch wissenschaftlich und gesundheitsökonomisch korrekt. Aber es ist noch mal eine andere Sichtweise als jetzt die Einzelsichtweise, wenn das kleine Kind vor mir sitzt und ich will das Bestmögliche für das Kind tun. Es ist ja immer die Frage von Kosten, Nutzen, Aufwand, Zeitdauer usw. Und wenn man das jetzt eher gesundheitsökonomisch sieht und Sie mich jetzt fragen würden, was ist denn der beste Screening-Test für ein Kind – jetzt mal abgesehen vom Brückner-Test – dann wäre das die Visus-Messung im Alter von 4 Jahren. Das ist schnell und billig und sehr, sehr gut. Das wäre das Minimalprogramm.
Axel Enninger: Okay, also Visus-Testung im Alter von 4. Und das geht? Also, wenn ich mir vorstelle, ich sitze da selber beim Augenarzt und ich werde dann immer gefragt: ‚Ist es besser oder schlechter? So besser, so besser, so besser, so schlechter?‘ Wie mache ich denn das mit 4?
Wie teste ich Visus bei Kindern und ab wann?
Wolf Lagrèze: Ja, also die Frage ist, wie teste ich Visus bei Kindern und ab wann? Das klappt ab zweieinhalb Jahren, wenn, sage ich mal, das Kind gut mitmacht und der empathische Untersucher geschult ist und da Zugang hat. Das geht natürlich nicht mit Buchstaben und Zahlen, sondern es geht mit Symbolen. Das ist der Lea-Test, der, glaube ich, auch in vielen Praxen bekannt ist, was sehr gut ist. Wenn es gut läuft, läuft das ab zweieinhalb Jahren ganz zuverlässig. Aber wenn man es jetzt unter Studienkriterien sieht oder positiver Vorhersagewert oder Reproduzierbarkeit der Messung, dann wird es erst ab 4 Jahren zuverlässig und gut. Also, wenn ich ein nationales Programm dafür kreieren müsste, würde ich sagen, das macht vor 4 Jahren keinen Sinn. Und das sagen auch die meisten Übersichtsarbeiten zu dem Thema. Also Visus-Test ist erst ab 4 Jahren zuverlässig.
Axel Enninger: Und der ist bei welcher U vorgeschrieben?
Wolf Lagrèze: Ja, da gucke ich mal gerade. Das wäre ja schon die U8. Und die U7a, die ja ein bisschen früher ist, die ist ja mit 3. Die ist ja auch erst vor nicht ganz so langer Zeit eingeführt worden. Da wird formal das erste Mal Visus getestet, und das ist inzwischen auch ausgewertet worden. Es hat nicht zu einer höheren Überweisungsrate zu Augenärzten geführt, also das war quasi fürs Sehen sinnlos, also es hat nicht das gebracht, was man sich wünscht.
Axel Enninger: Okay, jetzt kenne ich mich mit diesen Beschlüssen nicht aus. Das heißt, der Kinder- und Jugendarzt ist verpflichtet, bei der U7a diesen Visus-Test zu machen oder ist das nur eine Empfehlung?
Wolf Lagrèze: Ich habe das so in meinen Unterlagen stehen, dass das ab U7a dazugehört, der Visus-Test: U7a, U8, U9.
Axel Enninger: Okay, und liebe Kinder- und Jugendärztinnen, die jetzt zuhören und die das jeden Tag machen und sich jetzt an die Stirn klopfen und denken: ‚Ja, warum wissen die beiden das denn jetzt nicht definitiv?‘ Verzeihen Sie es uns, wir sind beide nicht niedergelassene Kinder- und Jugendärzte, und wir machen keine U7, U8 und U9. Das machen Sie und das können Sie viel besser. Also, wenn es jetzt nicht so richtig war mit dem „verpflichtend“, sehen Sie es uns bitte nach. Aber das mit dem Visus-Test finde ich, haben Sie sehr gut erklärt und ja, auch ein bisschen entlastend, dass diese U7a jetzt diesbezüglich keine Qualitätsverbesserung herbeigeführt hat.
Wolf Lagrèze: Ja, genau. Und vielleicht noch mal zum PlusOptix. Machen Sie es einmal, aber nicht mehrfach, das hat echt keinen nachweisbaren Nutzen. Selbst das Einfache hatte ja bisher keinen gesundheitsökonomisch bewiesenen Nutzen, aber man kann es anbieten. Ich finde das auch völlig in Ordnung und ich kenne eine ganze Reihe von Kindern, bei denen man damit eine Anisometropie entdeckt hat und dann das Kind früh der Amblyopie-Behandlung zugeführt hat, das ist ja ganz klar. Also mit 2 Jahren würde ich es mir wünschen, mit 1 finde ich es übertrieben früh.
Axel Enninger: Okay, also einmal machen mit den anders eingestellten Grenzwerten, also nicht mit den Werkseinstellungen. Einmal machen und dann sagen, okay, prima, die Quote ist relativ gut.
Wolf Lagrèze: Genau.
Axel Enninger: Okay. Gut, zu den Vorsorgeuntersuchungen noch Dinge, die Sie unbedingt gerne loswerden möchten oder haben wir das jetzt alles besprochen?
Wolf Lagrèze: Ich glaube, wir haben alles besprochen. Vielleicht ist es sinnvoll, wenn an jedem Standort, in jeder Stadt, in jeder Gemeinde die Kinder- und JugendärztInnen sich mit den Augenärztinnen und Augenärzten mal zusammensetzen und treffen und schauen, dass man dieses Überweisungsproblem besser hinbekommt und da halt die Kollegen meines Fachgebietes auch so ein bisschen in die Pflicht nehmen.
Axel Enninger: Okay, hat noch nie geschadet miteinander zu sprechen.
Wolf Lagrèze: Genau.
Kurzsichtig durch Bildschirm? Keine Zunahme in den letzten 20 Jahren
Axel Enninger: Und in diesem Sinne ein Appell an die Interdisziplinarität. Völlig anderes Thema, in den Medien gerade vorwärts und rückwärts diskutiert: Es geht um Bildschirmzeiten. Da geht’s aber eigentlich ganz selten nur um die Augen, es geht um die Hirnentwicklung, es geht um Ablenkung, Aufmerksamkeit, ADHS, alles Mögliche. Aber Sie als Augenarzt haben doch wahrscheinlich auch eine Meinung zu Bildschirmzeiten. Stichwort: Man kriegt schlechte Augen, man wird kurzsichtig, man wird alles Mögliche. Was ist denn dran an der Diskussion aus Ihrer Sicht?
Wolf Lagrèze: Also die letzten 10–15 Jahre ist dieses Thema aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Von morgens bis abends Bildschirm, entweder Tischrechner, aber meistens ja doch das Smartphone. Wir brauchen ja nur durch die Stadt zu gehen oder mit der Straßenbahn zu fahren oder auf den Schulhof zu gucken. Und das andere Thema ist das Thema Kurzsichtigkeit, das in der Ophthalmologie-Szene total gehypt ist, und aus irgendwelchen Gründen liebt es auch die Presse. Ich glaube, jede namhafte Zeitung hat mindestens einmal darüber geschrieben. Dann ist es auch nicht selten so, dass mich Journalisten anrufen und fragen: ‚Sagen Sie mal, was ist denn das mit der Kurzsichtigkeit, werde ich vom Smartphone kurzsichtig?‘ Und dann sage ich nicht selten: ‚Die Augen sind dabei das kleinste Problem, sondern die Persönlichkeitsentwicklung!‘ Das können Sie viel besser beurteilen als ich und das finde ich, wird immer total ausgeblendet, was ich sehr bedauerlich finde. Jetzt seit dem letzten Jahr: Australien Social-Media-Verbot, das wird jetzt langsam ein Thema, und auch hier kommt es jetzt so ein bisschen in die Politik hinein. Aber es hat sehr, sehr lange gedauert und da sind wir in Deutschland hinten dran. Und das Augenthema wird total überbewertet in meinen Augen, denn es ist klar, das wissen wir: In den letzten 20 Jahren hat die Kurzsichtigkeit in Deutschland und auch in der Schweiz nicht zugenommen. Wenn wir uns einen Zeitraum von 100 Jahren angucken, dann ist es schon so, dass Kurzsichtigkeit häufiger geworden ist. Das hat man in Kohortenstudien aus vielen europäischen Ländern gezeigt. Aber noch mal: Die letzten 20 Jahre – und das Smartphone, das iPhone wurde erst im Jahr 2007 erfunden und wahrscheinlich ist es erst so seit, ich weiß nicht, 2015 überhaupt regelmäßig in Kinderhänden – wir haben in den letzten 20 Jahren keine Zunahme gesehen.
Axel Enninger: Das finde ich ist schon mal wunderbar. Lassen Sie uns das noch mal betonen. Wenn ich jetzt auch an meine Schulzeit zurückdenke, da trug praktisch keiner eine Brille, das war die Ausnahme und mittlerweile hat man das Gefühl, es tragen ganz viele Leute eine Brille wegen Kurzsichtigkeit. Aber Sie sagen, in den letzten 20 Jahren ist es nicht mehr geworden und deswegen ist diese Bildschirmzeit-Kurzsichtigkeit gar nicht so relevant. Ist es irrelevant oder ist es nur nicht so relevant?
Risiko „hohe Myopie“ und ein einfacher Test
Wolf Lagrèze: Nein, es ist relevant, wenn ich sehe, dass ein Kind 4 Stunden des Tages auf Instagram oder TikTok unterwegs ist, dann ist es mega-relevant. Aber das ist nichts, worüber man mit einem Augenarzt sprechen muss, sondern mit Politik und Psychiatern und Psychologen. Wir sorgen uns überhaupt nicht so sehr darüber. Aber warum reden überhaupt Augenärzte über Kurzsichtigkeit? Es ist so: Wenn man mehr als –6 Dioptrien hat, also –7, –8, dann nennen wir das „hohe Myopie“. Diese Schwelle von –6, die ist halt mal irgendwann definiert worden. Alles was darüber, also jetzt numerisch, darunter liegt, nennt man hohe Myopie, aber die eigentlich kritische Schwelle, die liegt eher so bei –8. Und da ist es so, dass in der zweiten Lebenshälfte, also in der Erwachsenenophthalmologie, diejenigen, die hochmyop sind, ein deutlich erhöhtes Risiko für Netzhauterkrankungen haben. Das trifft wirklich die Makula, die myopische Makulopathie. Es gibt Menschen, die, sagen wir mal, in der fünften Dekade, wenn sie mitten im Berufsleben stehen, die meinetwegen –12 haben, dass die plötzlich Schäden in der Makula bekommen, nicht mehr scharf sehen können oder teilweise berufsunfähig werden. Das ist total dramatisch und das ist der Grund, warum wir uns gerne am Anfang des Lebens anstrengen wollen, dass weniger Kinder hochmyop werden.
Was sind die Faktoren, die zu Myopie führen? Das ist in erster Linie die Refraktion der Eltern. Also wer myope Eltern hat, hat ein doppeltes Risiko, myop zu werden. Und entscheidend ist, in welchem Alter die Kurzsichtigkeit auftritt. Je früher sie auftritt, ist ja logisch, desto höher das Risiko, hochmyop zu werden. Und es tritt üblicherweise so mit 6 bis 7 Jahren auf und dann hat man eine sehr starke Progression, so dass das Auge zu schnell länger wird. Dann hört dieses Wachstum so mit 12 bis 13 Jahren wieder auf. Also, die spannende Zeit ist eigentlich die Grundschulzeit und dafür haben wir ja gar keine Screening-Programme. Jetzt macht Kurzsichtigkeit ja auch nicht schwachsichtig, sondern man kann halt nur nicht mehr gut sehen, aber in der Nähe kann ich ja noch super sehen. Das ist meistens so, dass das Kind sagt: ‚Ah, ich sehe die Tafel nicht mehr.‘ Jetzt gibt es ja gar keine Tafeln mehr, heute gibt es ja nur noch Beamer, aber da kann es das halt nicht erkennen. Da gibt es einen ganz einfachen Test. Fragen Sie ein Kind oder Ihr Kind. Lassen Sie es aus dem Fenster gucken und fragen Sie: ‚Kannst du das Straßenschild erkennen?‘ Eines, das ich selber, als sagen wir mal perfekt optisch Korrigierter, gerade noch erkennen kann. Und wenn das Kind es sieht, dann weiß ich ja, es kann nicht stark kurzsichtig sein. Also das kriegt man relativ leicht heraus, wenn man nachfragt. Dann ist es meistens so, dass dann doch so mit 10 bis 11 Jahren die erste Brille kommt. Heute ist das ein Thema, das von Optikern und von Augenärzten bespielt wird. Wenn man sich richtig in Myopia-Management einklinkt, dann muss man auch in der Lage sein, die Augapfellänge zu messen. Das können aber nur die Augenärzte, die auch Katarakte operieren, weil man dann nämlich ein Gerät hat, wo man mit Licht die Augapfellänge messen kann, mit einem OCT-Gerät, zum Beispiel mit einem IOL-Master oder so etwas. Die meisten Kollegen haben das gar nicht, das heißt, sie können nur in Anführungsstrichen „die Brillenbestimmung“ machen, aber das reicht, sag ich mal, in den meisten Fällen.
Protektives Tageslicht, die 20er-Regeln und Mythos blaues Licht
Wolf Lagrèze: Es gibt Tonnen von Studien zu dem Thema Bildschirmzeit. Man hat ganz gut gezeigt, dass eine Zeit zwischen 0 und einer Stunde pro Tag keinen Effekt hat. Alles, was mehr als 4 Stunden am Tag ist, ist dann auch nicht schlimmer, aber spannend ist, ob man eben eine oder 4 Stunden am Tag vorm Bildschirm hängt.
Axel Enninger: Also, das heißt, mehr als eine Stunde, da kommen doch die Augenärzte wieder ins Spiel. Mehr als eine Stunde ist tatsächlich für das Myopie-Risiko schon ein Thema.
Wolf Lagrèze: Genau, klar etabliert. Und neben der reinen Betrachtungszeit ist es auch der Abstand. Also alles, was weniger als 30 Zentimeter ist, erhöht das Myopie-Risiko. Und jetzt ist ja so ein bisschen die Frage, was ich empfehle. Also was, glaube ich, jeder wissen sollte, ist, dass die Holländer zum Beispiel die 20-20-20-Regel aufgestellt haben, dass man alle 20 Minuten für 20 Sekunden etwas in 20 Fuß Entfernung anschaut. So machen die Engländer das. Im Englischen heißt es „twenty feet“, das sind 6 Meter. Also in die Ferne gucken, so dass man halt bei der Naharbeit Unterbrechungen macht. Oder es gibt die 20-20-2-Regel, die heißt: alle 20 Minuten 20 Sekunden Päuschen der Naharbeit und 2 Stunden am Tag rausgehen. Da gibt es ganz perfekte klinische Forschung dazu, dass das Tageslicht protektiv ist. Also man muss rausgehen und Fußball spielen, Sport machen. Nicht drin hocken im schlecht beleuchteten Raum, unter der Bettdecke lesen oder so etwas. Das sind Faktoren, die spielen eine Rolle, aber das wussten ja schon die Großeltern, dafür brauche ich keine klinische Forschung.
Axel Enninger: Ich wollte gerade sagen, das ist ja sozusagen: ‚Geh raus, Junge! Hausaufgaben machen und dann raus, spielen!‘ Ist irgendwie jetzt Opa-Geschwätz, aber ist immer noch wichtig.
Wolf Lagrèze: Topaktuell!
Axel Enninger: Okay, und das heißt aber, da habe ich umgekehrt gefragt, wenn ich jetzt also statt Smartphone das Tablet nehme und das Tablet weiter von mir fernhalte, ist das besser für mein Myopie-Risiko?
Wolf Lagrèze: Ist so, ja.
Axel Enninger: Okay, wir wollen trotzdem keine Tablets für 6-, 7-, 8-Jährige. Aber grundsätzlich aus augenärztlicher Sicht wäre es besser.
Wolf Lagrèze: Was mir noch wichtig ist für unsere Zuhörerinnen und Zuhörer: Es ist nicht der leuchtende Bildschirm, der schlecht oder toxisch ist. Es ist egal, ob ich auf einen Bildschirm oder in ein Buch schaue. Ich sage immer, wenn ich ein Reclam-Heftchen lese, das ungefähr so groß ist wie ein Smartphone, ist es wahrscheinlich die gleiche Entfernung, weil die so schrecklich klein gedruckt sind. Das macht genauso myop. Also, es ist nicht der leuchtende Bildschirm, es ist auch nicht das Blaulicht oder so etwas. Überhaupt braucht niemand Angst vor Blaulicht zu haben, das ist alles nur ein Marketingtrick. Das gilt für Kinder und Erwachsene gleichermaßen: Blaulicht macht gar nichts.
Axel Enninger: Gilt das auch für das Schlafen?
Wolf Lagrèze: Das ist etwas anderes. Da ist das gelb-warme Licht ab einer gewissen Uhrzeit vorteilhaft. Auch dazu gibt es Studien, die zeigen, dass die Schlafqualität und -dauer besser ist, wenn man da den Farbton ändert.
Axel Enninger: Okay, also gut. Das war jetzt schon mal gut. Und das, was Sie vorhin gesagt hatten mit diesen Zahlenkaskaden: Egal ob ich mit nahem Fokus arbeite oder mit langem Fokus lese, ab und zu den Blick in die Ferne schweifen zu lassen, ist das, was Sie empfehlen würden. Und raus und Spazierengehen und natürliches Licht ist das, was Sie auch empfehlen würden?
Wolf Lagrèze: Ja, das sollte man allen Eltern sagen.
Von Asien lernen? Nicht jedes Land ist Vorbild
Axel Enninger: Okay, wunderbar. Und was ich sehr schön finde, ist, dass Sie gesagt haben: Bildschirmzeiten wollen wir sowieso verkürzen, aber die Augenärzte sind nicht die Nr. 1 in der Argumentationskette zur Reduktion der Bildschirmzeiten unserer Kinder und Jugendlichen.
Wolf Lagrèze: Ja, das sollte nicht so sein, sondern es sollte ein allgemeines gesellschaftliches Thema sein.
Axel Enninger: Kurze Frage. Ich war letztes Jahr in Japan in Urlaub und da läuft ja so manches ziemlich gut. Ich habe zum Beispiel in diesem Land kaum übergewichtige Kinder gesehen. Also Gesundheitserziehung, Bewegung, gesunde Ernährung scheint super zu laufen, abgesehen davon, dass Genetik natürlich einen Einfluss hat, das weiß ich schon. Machen sie in Hinsicht auf die Augen auch etwas besser?
Wolf Lagrèze: Also, ich war auch in Japan, mit meinem Sohn zusammen, und ich werde nie vergessen, nach einer Stunde im Land sagt er: ‚Papa, hier funktioniert ja alles.‘ Aber was funktioniert da genau besser? Warum sie schlanker sind, weiß ich nicht. Natürlich ernähren sich Japaner anders als Mitteleuropäer. Ob das ein Grund ist, weiß ich nicht. Die Genetik ist ein ganz schwieriges Thema. Es gibt keine Myopie-Gene. Da hat man GWAS-Studien gemacht und sich die SNPs angeschaut. Es gibt zwar so einen Fingerprint, so einen Myopia Risk Score, den man berechnen oder messen lassen kann, aber es gibt kein Myopie-Gen. Man weiß aus diesen großen Studien, dass die Genetik einen Einfluss von ungefähr 5 % auf den Phänotyp Kurzsichtigkeit hat, der Rest ist Umwelt. Jetzt ist es allerdings so, dass die Hälfte, 50 % der sechsjährigen japanischen Kinder schon kurzsichtig sind. Das ist für mich ein bisschen ein Rätsel. Ich glaube nicht, dass die jetzt so sehr viel intensiver oder früher beschult werden als unsere Kinder. In anderen Ländern wie Singapur, China, Korea kann das schon so sein. Die haben dann Ganztagsschulen, und da haben Leute auch gesagt, die Kinder sind nur 20 Minuten am Tag draußen: 10 Minuten auf dem Hinweg zur Schule und 10 Minuten auf dem Heimweg. Ansonsten sind sie nur drinnen. In Taiwan zum Beispiel hat man Programme aufgelegt, wo die Kinder in der Schulpause raus müssen ans Licht. Da hat man gesehen, dass nach ein paar Jahren die Kurzsichtigkeitsrate wieder geringer war, was ja diese Umwelthypothese total beweist. Aber in diesen asiatischen Ländern ist das ein viel größeres Problem. Das ist ein Riesenproblem. Da gibt es richtige Myopia Clinics, wo die Erwachsenen sitzen, die –12 Dioptrien haben und einen Netzhautschaden haben und an ihrer Sehbehinderung entlang schrammen. So weit sind wir in Mitteleuropa noch nicht. Und ich glaube auch nicht, dass wir da hinkommen.
Axel Enninger: Aber die Dinge, die Sie tun, sind genau das, was Sie gerade aufgezählt haben. Möglichst, wenn ich mit kurzem Leseabstand lange lese oder auf den Bildschirm schaue: Pausen machen und raus, frische Luft beziehungsweise Licht. Sehr gut.
Kleiner Service für Pädiater
Axel Enninger: Lassen Sie uns jetzt hier so eine kleine Serviceklammer für Kinder- und Jugendärztinnen aufmachen. Viele von uns tragen eine Brille, ab einem bestimmten Alter vielleicht eine Gleitsichtbrille. Was würden Sie denn den betroffenen Kinder- und Jugendärzten empfehlen? Was ist denn schlau, was ist nicht schlau, was momentan angeboten wird? Sie haben es vorhin schon gesagt, die Blaue oder diese Blaufilterbrille – einmal kurz ein Kommentar dazu: Ist es schlau? Wenn ich abends vor meinem Smartphone sitze, ist es schlau, wenn ich eine Blaufilter-Lesebrille aufsetze oder nicht?
Wolf Lagrèze: Nein, das ist vollkommen überflüssig. Ich sage es jetzt mal so offen: Blaufilter sollte ich haben, wenn ich auf 4.000 Meter Höhe in einer Bergstation in den Alpen arbeite und da am Skilift stehe. Dann muss ich mich vor UV-Strahlung schützen. Wir brauchen uns nicht zu schützen, schon gar nicht vor unseren Bildschirmen. Das ist überflüssig, und man kann ja den Bildschirm auf „amber“ stellen. Ab 21 Uhr abends brauche ich keine spezielle Brille, das ist ein Marketing-Gag. Das braucht man nicht, genauso wie man auch keine Anti-Fatigue-Brille braucht. Das war vor ein paar Jahren so ein bisschen im Trend, dass man so eine ganz leichte Gleitsichtbrille schon ab 30 hatte, damit das Sehen in der Nähe nicht so anstrengend ist. Braucht auch kein Mensch.
Axel Enninger: Nochmal – Anti-Fatigue-Brille? Habe ich noch nie gehört.
Wolf Lagrèze: Anti-Fatigue, ja, damit das Sehen in der Nähe nicht so anstrengend ist. Da wird man schon an die Gleitsichtbrille herangeführt. Ich erlebe es immer wieder in der Sprechstunde, dass die Menschen Angst vor der Gleitsichtbrille haben. Da ist ja der obere Teil für die Ferne, der untere Teil für die Nähe. Ich halte die Gleitsichtbrille für eine der tollsten Erfindungen, die es überhaupt gibt auf dem Planeten. Zwei Dinge sind im Leben sicher, wenn man eine normale Lebenserwartung hat: der Tod und die Lese- oder die Gleitsichtbrille. Das ist unausweichlich. Und man sollte den Schritt nicht zu spät machen, denn in den Jahren bis dahin, wo man sagt: ‚Jetzt kann ich gar nicht mehr am Bildschirm arbeiten‘, da quält man sich ja in der Nähe. Es fängt an, dass man nicht mehr so gut akkommodieren kann, üblicherweise schon Ende 30. Bei schlechter Beleuchtung merkt das vielleicht der eine oder andere. Da ist ja die Pupille weiter, ich habe wenig Schärfentiefe, und wenn der Kontrast schlecht ist, wenn es dunkel ist, dann merkt man, dass man nicht mehr so richtig scharf sehen kann in der Nähe. Die Symptome dieser, sagen wir mal, Akkommodationsanstrengung, die ja nicht mehr so gut geht, sind dann oft Kopfschmerzen, Druckgefühl, brennende Augen. Wer das jetzt von unseren Zuhörern kennt, der sollte mal zum Optiker oder zum Augenarzt gehen und sich diesbezüglich beraten lassen.
Und wer das schon hinter sich hat – und das ist mir fast wichtiger, wir sind ja alle Bildschirmmenschen, wir sitzen den ganzen Tag vorm Bildschirm. Da ist das Problem, dass bei langer Bildschirmarbeit die Gleitsichtbrille ein Problem hat. Denn der obere Teil ist für die Ferne, der untere Teil ist für Lesen gut, 30 cm. Dann habe ich eine Übergangszone, die dann optimal für meine Bildschirmentfernung ist, die ja meistens so bei 70–80 Zentimeter liegt. Wenn man wie ich 60 ist und gar nicht mehr akkommodieren kann, dann habe ich nur einen ganz kleinen Korridor im Glas, wo ich durchgucken kann, um scharf zu sehen. Das bedeutet, dass ich bei der Bildschirmarbeit meinen Kopf gar nicht mehr bewegen kann, sondern wie eingefroren vor dem Bildschirm sitze, damit ich scharf sehe. Dann kriegen, glaube ich, viele Leute, also zumindest ich, eine Nackenverspannung und Kopfschmerzen, und ich hasse es. Deswegen bin ich schon sehr früh dazu übergegangen, mir eine Bildschirmbrille zu besorgen, eine monofokale Brille, die also keine Gleitsicht-Elemente hat, sondern, die genau für die Entfernung zum Bildschirm gemacht ist. Für die Experten unter uns: Das wäre die Fernrefraktion plus 1,25 Dioptrien. Das wäre sozusagen die Formel für den Optiker. Das ist die Brille, mit der ich in 80 Zentimeter Entfernung total entspannt auf den Bildschirm gucken kann und mit meinen Augen lustig durch jeden Bereich des Brillenglases gucken kann, den Kopf bewegen kann. Ich sehe immer scharf.
Axel Enninger: Okay, sehr guter Hinweis. Wir wissen zwar, dass ein Großteil der Zuhörerinnen und Zuhörer noch unter 30 sind, aber irgendwann erwischt es jeden. Das haben Sie ja auch schon gesagt. Also Bildschirm, ein Plädoyer für die Bildschirmbrille. Und eine Frage muss ich auch noch loswerden: In jedem Drogeriemarkt gibt es Stände mit Lesebrillen. Sagt der Augenarzt: ‚Da lass die Finger davon und investier lieber 500 € in erstens den Augenarztbesuch und zweitens dann noch den Besuch beim teuren Optiker‘ oder kann man die kaufen?
Wolf Lagrèze: Die kann man direkt kaufen. Ich finde das super. Also wer als junger Mensch nie eine Brille hatte, also normalsichtig ist, der kauft sich einfach für 10,- € die Plus-1-Brille und macht damit problemlos die Bildschirmarbeit. Genauso macht man es, genauso mache ich das auch. Und ich gehe da auch durchaus gerne zu einem, sagen wir mal, Low-Budget-Optiker für meine zahlreichen Bildschirmbrillen, weil ich vor jedem Computer, den ich benutze, so eine Brille liegen habe. Ich bekomme so eine Monofokalbrille für 100,- €, alles bestens, und zwar auf meine individuelle Refraktion abgestimmt. Das muss kein High-End-Produkt sein.
Und vielleicht noch ein Tipp für die Bildschirmnutzer: Wenn ich vorm Bildschirm sitze, blinzelt man um den Faktor 3 weniger, als wenn ich jetzt im Wald spazieren gehe. Warum? Weil ich als Computernutzer eine visomotorische Koordinationsaufgabe lösen muss. Ich muss nämlich meine Maus steuern, und dann stört mich Blinzeln dabei. Das heißt, ich höre unbewusst auf zu blinzeln, und dann werden meine Augen trocken. Deswegen würde ich öfters mal ein Päuschen am Bildschirm machen und einfach die Augen schließen, mich entspannen oder mal einen feuchten Waschlappen darauf legen. Die Tränenersatzmittel wirken halt nicht so lange, das fand ich nie befriedigend. Aber Pausen machen, die Augen schließen oder aktiv blinzeln ist sicher ein guter Tipp, damit man länger durchhält.
Axel Enninger: Super, das war jetzt tatsächlich noch mal eine, sagen wir mal, Service-Ecke, die wir hier aufgemacht haben. Herr Lagrèze, es gibt in diesem Podcast die gute Tradition der Dos & Don’ts, also der Dinge, die Sie positiv oder negativ an die Kolleginnen und Kollegen loswerden wollen. Die Reihenfolge ist Ihnen überlassen. Sie dürfen auch die Don’ts weglassen, wenn Sie nur Dos haben. Sie dürfen loslegen.
Brückner-Test im Dunkeln, mit Ophthalmoskop und in 30 cm, 1 m und 4 m; Visus-Test mit 4 Jahren; Schielen ab 2. Lebenshalbjahr abklären
Wolf Lagrèze: Also, ich würde sagen, bei der U-Untersuchung Do ist: Macht den Brückner-Test oder den Transilluminationstest in einem ganz dunklen Raum und nehmen Sie bitte ein Ophthalmoskop dazu. Je kleiner das Kind, desto näher die Untersuchungsentfernung. Aber, wenn das Kind so im Bereich ab 2–3 Jahren ist, gehen Sie auch in die größeren Entfernungen, 1 m, 4 m, und schauen, ob da Auffälligkeiten sind. Denn da ist der Test genauso sensitiv wie das PlusOptix-Gerät, vielleicht sogar noch sensitiver, glaubt man gar nicht. Das PlusOptix machen Sie nur einmal, wenn Sie es machen, im Alter von 2 Jahren. Und investieren Sie ein bisschen Zeit, wenn das Kind 4 Jahre alt ist, bei der U8, um da einen Visus-Test zu machen. Und da kann ich Ihnen allen nur ein ganz großes Dankeschön zurufen, denn das ist wirklich super. Das ist eine ganz, ganz wichtige Sache. Und wenn da Asymmetrien zwischen beiden Augen auffallen, bitte das Kind zum Augenarzt schicken. Über das Schiel-Thema hatten wir gesprochen: Wenn ab dem zweiten Lebenshalbjahr Schielen auffällt, ist das quasi ein Notfall, der muss abgeklärt werden, da darf man nicht warten. Das sind, glaube ich, so die wichtigsten Sachen.
Axel Enninger: Okay, super. Vielen herzlichen Dank. Ich habe viel gelernt. Toll, dass Sie sich dieses Themas annehmen! Und Ihnen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, vielen Dank fürs Zuhören, vielen Dank für Ihr Interesse. Wir freuen uns wie immer über Kommentare. Wir freuen uns auch über Anregungen zu Themen oder Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern, und wir freuen uns natürlich auch über die Likes auf den üblichen Kanälen. Vielen herzlichen Dank und bleiben Sie uns gewogen.
Hilfreiche Informationen:
EUscreen – The gateway to European audiovisual heritage. https://eucreen.eu. Zuletzt besucht 13.4.2026
Video:
Lagrèze W (2025) Kurz- oder weitsichtig: Was bringt eine Arbeitsplatzbrille? Universitätsklinikum Freiburg, YouTube: https://youtu.be/KRGlVlZEwUo?si=3l4JSbyNlUfbk2Nt.
Sinnvolle Einstellungen für einen guten Kompromiss von Spezifität und Sensitivität von Photoscreenern wie z. B. dem PlusOptix-Gerät:
Astigmatismus > 1 Dioptrie
Anisometropie ≥ 1,5 Dioptrien
Hyperopie ≥ 1,75.
Bei Normalbefund sieht man in den 3 typischen Untersuchungsdistanzen symmetrisches Fundusrot. Einseitige Medientrübung (z. B. durch Katarakt) ist in 30 cm gut aufdeckbar; Schielen ist aus 1 m Distanz gut zu beurteilen (helleres Fundusrot am abweichenden Auge). Brechkraftunterschiede (Anisometropien) sind aus 4 m erkennbar (unterschiedliches Fundusrot).
Kontakte:
Feedback zum Podcast? podcast@infectopharm.com
Homepage zum Podcast: www.infectopharm.de/consilium/podcast/
Für Fachkreise: www.wissenwirkt.com und App „Wissen wirkt.“ für Android und iOS
Homepage InfectoPharm: www.infectopharm.de
Disclaimer:
Der consilium – Pädiatrie-Podcast dient der neutralen medizinischen Information und Fortbildung für Ärzte. Für die Inhalte sind der Moderator und die Gäste verantwortlich, sie unterliegen dem wissenschaftlichen Wandel des Faches. Änderungen sind vorbehalten.
Impressum:
consilium ist eine Marke von
InfectoPharm Arzneimittel und Consilium GmbH
Von-Humboldt-Str. 1
64646 Heppenheim
Tel.: 06252 957000
Fax: 06252 958844
E-Mail: kontakt@infectopharm.com
Geschäftsführer: Philipp Zöller (Vors.), Michael Gilster, Dr. Markus Rudolph, Dr. Aldo Ammendola
Registergericht: Darmstadt – HRB 24623
USt.-IdNr.: DE 172949642
Verantwortlich für den Inhalt: Dr. Markus Rudolph
Sprecherin: Das war consilium, der Pädiatrie-Podcast. Vielen Dank, dass Sie reingehört haben. Wir hoffen, es hat Ihnen gefallen und dass Sie das nächste Mal wieder dabei sind. Bitte bewerten Sie diesen Podcast und vor allem empfehlen Sie ihn Ihren Kollegen. Schreiben Sie uns gerne bei Anmerkung und Rückmeldung an die E-Mail-Adresse consilium@infectopharm.com. Die E-Mail-Adresse finden Sie auch noch in den Shownotes. Vielen Dank fürs Zuhören und bis zur nächsten Folge!
Ihr Team von InfectoPharm

