consilium - DER PÄDIATRIE-PODCAST - Folge #63 - 19.09.2025
consilium – der Pädiatrie-Podcast
mit Dr. Axel Enninger

Mit Schiefe und Verdrehung: idiopathische Skoliose
Axel Enninger: Mein Gast heute ist
Dr. Micha Langendörfer
DR. AXEL ENNINGER…
… ist Kinder- und Jugendarzt aus Überzeugung und mit Leib und Seele. Er ist ärztlicher Direktor der Allgemeinen und Speziellen Pädiatrie am Klinikum Stuttgart, besser bekannt als das Olgahospital – in Stuttgart „das Olgäle“ genannt.Kardiologie in der pädiatrischen Praxis
Axel Enninger: Herzlich willkommen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, zu einer neuen Folge von consilium, dem Pädiatrie-Podcast. Mein Gast heute ist Dr. med. Micha Langendörfer. Er ist kein Kinder- und Jugendarzt, anders als die meisten Gäste, die wir hier haben, denn er ist Facharzt für Orthopädie und Kinderorthopädie. Er hat die Zusatzbezeichnung „Manuelle Medizin und Chirotherapie“. Und er ist Chefarzt für Kinderorthopädie am Asklepios Kinderkrankenhaus in St. Augustin. Wir kennen uns seit vielen Jahren, weil wir sehr lange am Olgahospital zusammengearbeitet haben. Ganz besonders für die heutige Folge wichtig: Er ist Co-Autor der S2k-Leitlinie „Skoliose“, und das ist auch unser Thema. Herzlich willkommen, lieber Micha!
Micha Langendörfer: Vielen Dank, Axel. Ich freue mich hier zu sein, vor allem, dass ich vor einem pädiatrischen Publikum als Orthopäde zu einem Thema sprechen darf, das mich seit vielen Jahren beschäftigt.
Idiopathische Skoliose im Prinzip von Geburt an möglich
Axel Enninger: Sehr gut. Wenn wir über Skoliose reden und ich so überlege, wer fällt mir typischerweise dazu ein, habe ich für eure Sprechstunde, wenn man mal guckt, wer da kommt, Teenager vor Augen. Ist es vorwiegend eine Teenagerkrankheit?
Micha Langendörfer: Es ist sicherlich richtig, dass ein Großteil unserer Patienten primär im Teenageralter auf uns zukommt. Aber wie so oft – Skoliose ist ein weites Feld. Es fängt im Prinzip wirklich im Säuglingsalter an, dass wir Patienten mit Skoliosen beobachten können. Dann muss man letztendlich noch mal differenzieren. Wir müssen uns heute schon ein bisschen beschränken auf die Fälle, die idiopathisch sind, also die multifaktoriell, ohne klare Ursachen, auftreten. Ausschließen sollten wir neurologische oder zentrale Bewegungsstörungen, die auch Skoliosen verursachen können oder angeborene Fehlbildungen. Die würde ich jetzt mal ausklammern.
Axel Enninger: Das heißt, so richtig wissen wir nicht, warum man eine Skoliose kriegt.
Micha Langendörfer: Nein, idiopathisch heißt wirklich, wir wissen es nicht. Es gibt viel Forschung dazu. Es ist am Ende multifaktoriell und es hat sicherlich einen ganz starken genetischen Bezug. Was auch bei der Anamnese immer interessant ist, wenn die Mutter sagt, sie hat auch eine Skoliose oder man kennt das Geschwisterkind mit einer Skoliose, da sollte man immer mal genauer nachschauen. Aber es ist, sagen wir mal, zu 10 % klar, dass da ein genetischer Zusammenhang ist, mehr momentan noch nicht.
Axel Enninger: Das heißt, ihr begebt euch gar nicht so sehr auf die Ursachensuche, oder? Ihr guckt da nicht tiefer, sondern ihr guckt, gibt es da neurologische Hinweise, muss ich die vielleicht besonders beachten? Oder wie muss ich mir das vorstellen?
Micha Langendörfer: Die müssen wir auf jeden Fall beachten. Es ist schon so, dass man als Orthopäde typische, klassische Skoliosen sieht, aber dennoch ist es sicherlich wichtig, dass man es abklopft, dass man grundsätzliche, neurologische Untersuchungen macht und auf Stigmata achtet. Irgendwelche Fehlbehaarungen im Rückenbereich zum Beispiel, die hinweisend sein könnten auf Probleme. Das muss man auf jeden Fall abklopfen und im Zweifelsfall, gerade bei frühem Auftreten von Skoliosen, ist dann auch ein MRT erforderlich.
Axel Enninger: Okay, aber ihr habt noch nicht sozusagen das genetische „Skoliose-Panel“, was jetzt für viele Krankheiten so zunehmend modern wird?
Micha Langendörfer: Ja, das wird sicherlich irgendwann noch einmal kommen. Es gab vor über 10 Jahren mal einen Ansatz mit dem ScoliScore-System, wirklich sehr interessant. Aber es hat sich einfach nicht durchsetzen können, weil es nicht sicher genug funktioniert hatte und auch in der Breite nicht umsetzbar war. Es ist eigentlich meines Wissens komplett vom Markt.
Axel Enninger: Das heißt, ihr seid eigentlich schon ziemlich „good old-fashioned doctors“: angucken, untersuchen, Anamnese machen.
Micha Langendörfer: Genau. Also Anamnese, untersuchen, anfassen, das ist wichtig. Nicht nur in der Pädiatrie, sondern in der Orthopädie genauso, ja.
Axel Enninger: Ja, das ist gut. Ich bin ja sozusagen als einer, der schon länger im Geschäft ist, ein Verfechter dieser alten Skills. Du hast mir am Anfang widersprochen, als ich gesagt habe, es ist eine Teenager-Krankheit. Lass uns das mit dem Alter noch mal aufnehmen. Der Pädiater, der einen Säugling sieht, der eine ein bisschen schiefe Wirbelsäule hat, kann der sicher sein, dass das keine Skoliose ist oder wie nähert sich der Pädiater dem Säugling mit einer schiefen Wirbelsäule?
Bei Säuglingen Beweglichkeit, Verhärtungen, Auffälligkeiten prüfen
Micha Langendörfer: Also grundsätzlich ist es, glaube ich, wichtig zu wissen, wenn man es unterteilt: Es gibt die Säuglingsskoliosen, von denen du jetzt gerade beginnst zu sprechen. Die sind eine Sondergruppe, und dann gibt es die echten Early-onset-Skoliosen, also früher Beginn einer echten Skoliose. Damit sind aber wirklich Kinder gemeint ab dem ersten Lebensjahr bis zum zehnten. Danach sind wir bei der adoleszenten Skoliose von den Definitionen her. Um auf deine ursprüngliche Frage zurückzukommen: Bei den Säuglingsskoliosen ist typischerweise zu beobachten, dass sie flexibel sind. Sie sind lageabhängig, sie sind meistens C-förmig und wenn man das Kind untersucht und die Wirbelsäule abtastet, merkt man, dass es flexibel ist. Also wenn da beim Abtasten etwas auffällig wird, dass wirklich ein härterer Vorsprung da ist oder es sich wirklich nicht bewegen lässt und dann zum Beispiel auch neurologische Auffälligkeiten dabei wären, dann wäre es tatsächlich notwendig, es auf jeden Fall früher abzuklären, eventuell Röntgen und MRT. Ist es aber beweglich und auch mit der Kopfhaltung kombiniert, reicht es tatsächlich, dass man physiotherapeutisch rangeht, die Lagerung anpasst und dann lösen sich diese Skoliosen eigentlich im Alter von einem Jahr auf. Wenn sie das nicht tun, dann muss man sie weiterer Diagnostik zuführen.
Axel Enninger: Okay, das ist ja schon einmal ein gutes Engramm. Wenn es beweglich ist, man klinisch keine Auffälligkeiten findet, keine neurologischen Auffälligkeiten: Physio, abwarten, aber es muss besser werden im ersten Lebensjahr und wenn es nicht besser ist, muss die Glocke klingeln.
Micha Langendörfer: Dann muss die Glocke klingeln und dann ist tatsächlich auch ein erstes Röntgenbild erforderlich.
Bei den Vorsorgen: Schultern, Becken, Rippenbuckel, Lendenwulst
Axel Enninger: Okay. Das war jetzt ja so ein bisschen konstruiert, da liegt ein Kind auf der Untersuchungsliege und die Mama sagt: „Gucken Sie mal, der ist immer so schief.“ Der viel häufigere Punkt ist ja wahrscheinlich, dass Kinder- und Jugendärzte Kinder zu den Vorsorgen sehen, und da ist einer der Parameter die „Haltung“: schiefstehen oder nicht schiefstehen. Was möchtest du als Orthopäde den Kinder- und Jugendärzten für diese Art der Untersuchung mitgeben? Was ist wichtig, worauf sollte man achten und was sind auch aus deiner Sicht die Dinge, wo wir Kinder- und Jugendärzte noch besser werden können?
Micha Langendörfer: Ja, also ich gehe davon aus, dass es schon sehr häufig auftritt, dass man ein Kind vor sich stehen haben wird, das schief dasteht, und die Kardinalfrage ist natürlich: Ist das jetzt Skoliose oder steht es nur schief da? Dazu kann man empfehlen, dass man versucht, seinen Untersuchungsgang ein bisschen zu standardisieren. Wenn man das Kind betrachtet, dass man wirklich auf die Schultern achtet, aufs Becken achtet, Beckenschiefstand, Schultern. Man kann eigentlich sehr gut sehen, ob die Schulterblätter asymmetrisch sind. Das sind erste Hinweise. Es hilft dann momentan nicht zu differenzieren, ist es jetzt eine Fehlhaltung oder ist es eine Skoliose, die sich dahinter verbirgt. Dann kommen wir dazu, dass man den Vornüberbeugetest machen sollte. Da sieht man dann tatsächlich, dass ein Rippenbuckel auftritt oder ein Lendenwulst auftritt, den man sehen kann. Da schaut man sich wirklich den Rücken in verschiedenen Beugepositionen an. Wichtig ist auch, dass man darauf achtet, dass die Arme sich nicht abstützen, dass das Kind also frei „hängt“. Das ist bei kleinen Kindern tatsächlich manchmal schwierig. Da ist die Empfehlung die, wenn man sich nicht sicher ist, dass man es wirklich mehrfach macht, also das Kind sich mehrfach vorüber neigen lässt und prüft. Ein großer Tipp, den ich geben könnte, wäre für mich, dass man sich überlegt, ein Skoliometer anzuschaffen. Das ist ein hilfreiches Tool. Ab 20,- € kann man so etwas bekommen. Letztendlich ist es eine Wasserwaage, die mit einem Winkelmaß versehen ist. Die kann man auf den Rücken auflegen, es ist wirklich sehr einfach vom Handling her. Wenn Abweichungen über 5 Grad zu messen sind, dann muss man davon ausgehen, dass sich tatsächlich mehr als nur eine Fehlhaltung dahinter verbirgt und vor allen Dingen, wenn man es beim wiederholten Vornüberneigen prüft und es quasi immer an derselben Stelle in der gleichen Richtung ausschlägt, dann haben wir den starken Verdacht, dass sich eine Skoliose dahinter verbirgt.
Axel Enninger: Okay, ich muss noch mal ein bisschen blöd nachfragen. Also ich stelle mir eine Wasserwaage vor, die lege ich wo an, bevor der Patient sich nach vorne beugt?
Ein Skoliometer ist eine gute Investition
Micha Langendörfer: Der Patient muss sich schon nach vorne gebeugt haben. Man sucht sich eine Position oder man kann den ganzen Rücken abfahren, aber der Patient muss tatsächlich auch ein bisschen die Rückenstellung ändern, damit man diese Wasserwaage gut auflegen kann. Die Wasserwaage ist tatsächlich so gebaut, dass sie eine kleine Aussparung hat für den Dornfortsatz und hat einen kleinen Winkelmesser eingebaut. Es gibt auch mittlerweile Apps für iPhones und Android, die sind aber vom Handling her auch nicht so viel einfacher. Wenn man sich damit anfreunden kann und regelmäßig Kinder sieht, dann ist es, glaube ich, eine gute Anschaffung, so ein Skoliometer.
Axel Enninger: Okay, und wenn ich die Wirbelsäule in der Mitte habe, rechts und links ist auf der gleichen Höhe, schlägt die Wasserwaage nicht aus. Wenn ich schief bin, also eine Skoliose habe, dann schlägt sie aus, okay. Entschuldigung für die Amateursfrage.
Micha Langendörfe: Genau. Ja, das ist richtig. Sonst steht man da und sagt: ‚Ich habe jetzt eine Erhebung von einem Zentimeter oder zwei Zentimetern.‘ Das wird dann alles sehr subjektiv, und ich finde es für mich auch schwierig, ganz offen gesagt. Es ist jetzt auch nicht so, dass jeder Orthopäde unbedingt ein Skoliometer hat, wenn man ehrlich ist. Aber für mich ist es wirklich ein hilfreiches Tool und ich denke auch, für das Screening ist es wirklich gut, um es ein bisschen zu objektivieren. Selbst wenn man denkt: ‚Ha, es ist eigentlich nichts.‘ Dann kann man den Patienten nach Hause schicken und vielleicht nach ein paar Monaten noch mal sehen und prüft das noch einmal so. Und wenn man dann merkt, da ist aber tatsächlich ein nachhaltiges Thema, dann muss man es weiter abklären.
Axel Enninger: Okay, und das Stichwort heißt „Rippenbuckel“, „Lendenwulst“. Das sind die beiden Punkte, auf die ich achte, okay. Und jetzt denke ich, das ist tatsächlich mehr als „Haltung“, ich denke, das ist tatsächlich eine Skoliose, die sich anbahnt. Was wäre als niedergelassener Kinder- und Jugendarzt mein nächster Schritt? Was würde ich machen?
Micha Langendörfer: Der nächste Schritt wäre dann tatsächlich, dass man es weiter abklärt bei einem Kinderorthopäden oder einem Wirbelsäulenspezialisten letztendlich, der auch röntgen kann und die Röntgenbilder entsprechend beurteilt. Er muss natürlich auch vorher untersuchen und mit dem Skoliometer ran und entscheiden, muss ich es wirklich röntgen? Aber wenn das der Fall ist, und es schon meine Erfahrung, dass ich die Patienten, die ich von Pädiatern zugesandt bekomme, dann meistens tatsächlich auch röntgen muss.
Wenn Röntgen nötig ist, dann am Stück und in zwei Ebenen
Axel Enninger: Also sind wir da gar nicht so schlecht.
Micha Langendörfer: Nein, nein, definitiv nicht. Also, das muss ich jetzt wirklich sagen, das ist sehr gute Arbeit, die ich sehe. Und ich glaube, man kann es noch verbessern mit dem Skoliometer als Hilfestellung für einen selbst, wenn man sich damit weiter beschäftigen möchte. Was man dann bei der Diagnostik weiter macht, ist die Röntgenbildgebung. Die sollte standardisiert in 2 Ebenen am Stück erfolgen, das ist ganz wichtig. Dann werden die Röntgenbilder entsprechend analysiert. Man bestimmt zum einen den Cobb-Winkel. Da ist es so, dass man letztendlich die Kurve, die man vor sich sieht, dadurch bestimmt, den Winkelgrad, indem man an die Grundplatte von dem am meisten gebogenen, verdrehten Wirbelkörper eine Linie anlegt und dann an die Deckplatte von dem oberen Rand dieser Kurve, und den Winkel dazwischen misst. Das ist der Cobb-Winkel, der letztendlich essenziell ist, und von der Definition her muss er 10 ° haben oder mehr, damit man überhaupt von einer Skoliose sprechen darf.
Axel Enninger: Früher sah man immer im Röntgenbild „a.p.“, wo zwei Bilder „aneinandergeklebt“ waren, weil ihr die ganze Wirbelsäule wollt. Das machen wir heute nicht mehr so. Und du hattest im Vorgespräch gesagt, du willst– und das wollen wir Pädiater eigentlich ja ganz selten – auch eine Seitaufnahme. oder?
Micha Langendörfer: Ja, bei der ersten Diagnostik gehört die Seitaufnahme auf jeden Fall dazu, gerade um zum Beispiel auch Fehlbildungen auszuschließen. Man kann auch mal eine Skoliose haben, schmerzbedingt, durch ein Wirbelgleiten, das man darauf erkennen kann. Man kriegt da noch weitere Zusatzinformationen. Ist eher ein Rundrücken dabei, was eigentlich nicht unbedingt typisch ist für eine Skoliose, sondern sie sind eher sehr flach. Wenn man sonst keine weiteren Fehlstellungen oder Begleitprobleme in dieser Aufnahme erkannt hat, dann werden die weiteren Folgekontrollen in der Behandlung in der Regel dann nur noch in der einen Ebene, in der „a.p.“-Ebene gemacht.
Axel Enninger: Okay. Und was kommt dann noch? Also, ihr guckt die Kinder an, good old-fashioned doctor. Ihr messt noch mal. Ihr macht das Röntgenbild und dann sagst du: „Skoliose“. Welche Differentialdiagnosen rattern da noch durch deinen Kopf und was checkst du noch ab? Checkst du noch etwas ab oder würdest du sagen: ‚Ich bin mir so sicher, das ist eine idiopathische Adoleszenten-Skoliose. Fertig.‘
Was auch in Frage kommen kann – Differentialdiagnosen
Micha Langendörfer: Ja, also, da sind wir wieder beim Alter. Also grundlegend kann man sich natürlich auch überlegen, man macht grundsätzlich bei jeder echten Skoliose ein MRT. Da macht man prinzipiell jetzt nichts falsch. Man muss ich natürlich nur fragen, wie oft kommt dabei etwas heraus? Wo es also obligatorisch ist, ist tatsächlich bei diesen Early-onset-Skoliosen bei kleinen Kindern. Diese Fälle sind einfach viel seltener, und da steckt öfters auch mal eine Syrinxbildung dahinter, in den meisten Fällen. Es kann aber halt auch tatsächlich mal … Ich habe auch zwei Kinder mit intraspinalen Tumoren, die sehr langsam gewachsen sind, so herausgefischt. Hellhörig muss man auch werden, wenn es atypische Krümmungsmuster sind. Zum Beispiel: Normalerweise ist die Hauptkrümmung im Brustkorbbereich sozusagen „vom Herzen weg“, und wenn es in die andere Richtung verlagert ist, eine linkskonvexe Thorakalskoliose ist per se verdächtig. Die würde ich in jedem Fall abklären und da hat man auch eine höhere Häufung an Treffern, dass da noch eine andere Ursache dahintersteckt. Klar muss man natürlich auch zum Beispiel an Patienten mit einem Marfan-Syndrom denken. Sie sind auch nicht immer vom Phänotyp her ganz klar klassisch. Wenn man da eben atypische Skoliosemuster sieht und den Verdacht hat, dann wäre da tatsächlich zum Beispiel auch einmal eine kardiologische Abklärung auf jeden Fall essenziell. Das kommt schon durchaus auch einmal vor.
Axel Enninger: Okay. Aber es ist auch durchaus so, dass du sagst, keine Risikofaktoren, keine Besonderheiten, klinisch Skoliose, Röntgenbild Skoliose, dann brauchst du nichts weiter an Diagnostik. Und wann und wie berätst du denn dann die Jugendlichen / die Eltern? Du hast vorhin schon von Winkeln gesprochen. Das ist ja bei euch bei den Skoliosen offenbar wichtig.
Verdrehung ist eine Komponente der Skoliose
Micha Langendörfer: Genau, die Winkel sind sehr wichtig im Leben für den Orthopäden. Grundsätzlich auch, was wir noch vergessen haben: Die Drehung in der Wirbelsäule ist auch sehr wichtig, weil es durchaus Fehlhaltungen gibt, oder auch schmerzbedingte Fehlhaltungen, die hohe Winkelgrade produzieren, also über 20 °. Dann wären wir auch locker bei der Diagnose einer Skoliose. Was da auffällig ist: Wenn keine Verdrehung im Wirbelsäulenröntgenbild zu sehen ist, dann ist es auch wieder verdächtig, dass es keine Skoliose ist und man es entweder weiter abklären muss oder es halt tatsächlich mit einer Fehlhaltung in Verbindung steht.
Axel Enninger: Das heißt die Verdrehung gehört immer ein bisschen dazu.
Micha Langendörfer: Ja, es ist tatsächlich ein dreidimensionales Problem und gehört zur Definition der Skoliose dazu. Das ist der zweite Parameter, der auch wichtig ist, aus diesem Röntgenbild. Wenn ich jetzt aber sehe, dass ich eine Verdrehung nachvollziehen kann und eine Deformität über 10 °, dann ist es eine Skoliose und dann ist der erste Ansatz tatsächlich der, dass man Physiotherapie empfiehlt. Also bis 20–25 ° Krümmung ist es eine Domäne der physiotherapeutischen Behandlung, die da wirklich effizient wirken kann. Da gibt es verschiedenste Möglichkeiten, auf neurophysiologischer Basis, wirklich Skoliose-spezifisch. Es hat alles Vor- und Nachteile. Bei den Jugendlichen, wo wir ja die meisten, wie du es auch schon anfangs erwähnt hast, sehen, ist diese Therapie nach Lehnert-Schroth, zumindest in Deutschland, sehr gebräuchlich. Es gibt sicherlich auch andere Möglichkeiten, es zu machen, aber das funktioniert sehr gut. Und es sind auch tatsächlich Behandlungserfolge nachgewiesen, dass man die Zunahme der Deformität eingrenzen kann. Wenn es jetzt eine flexiblere Skoliose ist, kann man tatsächlich auch wirklich Verbesserungen damit erreichen.
Axel Enninger: Okay, aber das heißt, man braucht schon eine Physiotherapeutin, einen Physiotherapeuten, der sich speziell mit Skoliosen auskennt, weil es schon ein paar spezifische Dinge gibt, die man dabei beachten sollte?
Micha Langendörfer: Grundsätzlich empfehlen wir das schon. Wenn wir wissen, dass jemand die entsprechende Ausbildung hat und sich damit beschäftigt hat, dann ist natürlich die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind besser behandelt wird, groß. Das ist jetzt ja immer auch schwierig, wenn man einfach nur ein Rezept ausstellt und jemanden schickt, dann wird teilweise Gerätetraining oder irgendwelche anderen Dinge betrieben, die jetzt nicht unbedingt Skoliose-begrenzend sind.
Axel Enninger: Also Physio möglichst gezielt aussuchen. Es sollte jemand sein, der sich auskennt. Wie hoch ist denn die Chance, dass Physio es besser macht?
Micha Langendörfer: Die Chance ist auf jeden Fall groß, dass die Physiotherapie wirkt. In Prozent kann ich es nicht angeben, muss ich ganz ehrlich sagen, aber es ist klar nachgewiesen, dass es effizient wirkt. Das Problem ist, wir können halt nicht vorhersagen, wie sich eine Skoliose tatsächlich im Wachstum verhält. Da gibt es letztendlich Risikoeinschätzungen, die man hat, die dem Alter und skelettalen Reifungszustand zugeordnet sind und wie stark die Krümmung ist. Man kann im Prinzip sagen: Je stärker die Krümmung ist und je jünger das Kind, desto schwieriger wird die Behandlung generell, desto mehr Progredienz ist zu erwarten. Das sind natürlich die Fälle, die zwar schon von der konservativen Therapie profitieren, aber unter dem Aspekt Effizienz trotzdem schlecht abschneiden.
Axel Enninger: Heißt das, man kann sagen, je schiefer, desto unwahrscheinlicher ist es, dass ich es rein mit Physiotherapie hinkriege. Und du hast gerade gesagt: „konservative Therapie“. Bei „konservativer Therapie“ schwebt mir ein Korsett vor. Ist das die nächste Stufe nach der Physiotherapie?
Nächste Stufe Korsett
Micha Langendörfer: Das ist die nächste Stufe. Die Definition ist eigentlich so, dass man sagen muss: Wenn ich eine nachgewiesene Zunahme habe, also wenn ich das Kind schon beobachte, es waren 15 ° vor einem halben Jahr, jetzt stellt es sich vor und hat 20 °, es ist gerade am Wachsen, dann kann man sich leicht vorstellen, dass es ein halbes Jahr später 25 ° hat. Das ist dann der Moment, wo man sagen muss, Physiotherapie ist gut, aber reicht halt leider nicht. Zusätzlich zur Physiotherapie, das ist ganz wichtig. Ich denke schon, dass es jetzt nicht abgelöst wird von dem Korsett, sondern es braucht eben ein Korsett dazu. Oder wenn ich nicht diesen Vorlauf habe und sich ein Kind mit 25 ° Deformität vorstellt, dann wäre das der späteste Zeitpunkt, um mit dem Korsett zu beginnen.
Korsett kann nur wirken bei ausreichender Tragedauer
Axel Enninger: Jetzt stelle ich mir vor, da habe ich eine Vierzehnjährige vor mir, der du sagst: ‚Du musst jetzt ein Korsett tragen.‘ Dann wird sie nicht jubeln und wird sagen: ‚Aber zwei Stunden am Tag reichen doch, oder?‘
Micha Langendörfer: Ja, jubeln tut da leider keiner. Das ist ja auch nachvollziehbar. Letztendlich ist es so, dass zwei Stunden aber nicht reichen. Uns ist auch bewusst, dass so eine Korsetttherapie sehr einschneidend ist, das ist ganz klar. Deswegen muss es aber trotzdem, wenn es gemacht wird, konsequent durchgezogen werden, und zwar mindestens 16, besser 18 oder mehr Stunden pro Tag. Dazu gibt es eine interessante Studie. In Deutschland war das Korsettthema eigentlich nie so stark hinterfragt. Es war schon relativ verbreitet und anerkannt, weil es einfach gute Erfolge gegeben hat. In den USA war man da viel skeptischer und auch die psychischen Schäden, die so eine Korsetttherapie verursacht, waren ein großes Argument, was ja auch nicht unberechtigt ist, wie du es angesprochen hast. Dann gab es eine Studie, die 2013 herauskam, wo man versucht hat, es prospektiv randomisiert zu machen und dann verschiedene Gruppen hatte, die randomisiert waren, aber auch ein Teil mit Wahlcharakter, die sich für die eine oder andere Behandlungsmethode entschieden haben. Diese Studie war so, dass man Patienten nicht behandelt oder mit Korsett behandelt hat, und sie musste abgebrochen werden. Von der Ethikkommission wurde die Studie nach kurzer Laufzeit abgebrochen, weil es einfach ethisch nicht vertretbar war.
Axel Enninger: Kein Korsett zu geben?
Micha Langendörfer: Ja, kein Korsett zu geben. Ganz eindeutig, dass das Korsett einen großen Unterschied macht, und da wurde wirklich evaluiert, ob die Patienten später eine OP brauchten oder nicht.
Axel Enninger: Das ist ja tatsächlich wichtig. Und sicher auch das, kann ich mir vorstellen, dass wenn ein Patient bei euch behandelt wird, aber wegen irgendetwas anderem beim Kinder- und Jugendarzt ist und sagt: ‚Ich will aber nicht‘, sozusagen ein bisschen Rücken stärken durch die Kinder- und Jugendärzte: 16 Stunden am Tag ist tatsächlich Pflicht, das Korsett nicht zu tragen ist ein echtes Problem. Und du hattest mir im Vorfeld auch gesagt, es gibt eine klare Korrelation zwischen Tragedauer und späterer OP-Indikation? Habe ich das richtig im Kopf?
Micha Langendörfer: Also, die Tragedauer ist ganz klar, das kam auch in dieser Studie heraus, dass die Effizienz, also die guten Behandlungserfolge, häufiger bei einer hohen Tragedauer sind. Bei unter 16 Stunden Tragezeit kann es gut gehen, wenn man Glück hat, aber bei einer echten Skoliose, die sich verschlechtern würde, da reicht es nicht aus. Da hat man dann zu wenig Tragezeit.
Axel Enninger: Wann seid ihr denn zufrieden? Also was ist die Behandlungseffizienz, was ist euer Ziel der Korsettbehandlung?
Behandlungsziel „keine Verschlechterung“
Micha Langendörfer: Das Ziel ist, dass wir keine Verschlechterung sehen. Das ist tatsächlich ganz wichtig, dass man das von Anfang an auch klar kommuniziert. Weil man sagen muss, wenn wir von einer richtigen Skoliose sprechen, dann wird sie nicht durch das Korsett weggehen können, sondern sie wird in der Progredienz eingedämmt werden. Wir prüfen ja die Korsette auch, wir machen Röntgenkontrolle im Korsett, sehen wie flexibel, wie gut unsere Korrektur ist. Und es gibt natürlich schon die glücklichen Fälle, wo man im Korsett dann fast gerade korrigieren kann. Die haben dann auch schon eine bessere Prognose, bei guter Trage-Compliance, vorausgesetzt, dass man da auch eine Verbesserung haben kann. Aber das würde ich jetzt gar nicht zu sehr in Aussicht stellen, weil es frustrierend für die Patienten ist, wenn man zwei Jahre lang Korsettbehandlung macht und am Schluss sagt man: ‚Es sind jetzt 30 Grad und so war es am Anfang auch.‘ Dann fragt man sich natürlich ja schon: ‚Wofür habe ich das denn eigentlich gemacht?‘
Axel Enninger: Aber damit wärt ihr eigentlich zufrieden. Nicht schlechter?
Micha Langendörfer: Damit wären wir sehr zufrieden und ich glaube, dass der Patient auch zufrieden ist, wenn er darüber aufgeklärt ist. Wenn man es aber so ein bisschen mystisch lässt und am Schluss dann herauskommt, es ist jetzt genauso wie am Anfang, dann klingt das jetzt nicht so positiv. Wenn man aber von vornherein weiß, das Ziel ist, dass es nicht schlechter wird und dass wir nicht operieren müssen. Und was wir auch natürlich immer sehen – das eine ist die Gradzahl und das Röntgenbild, aber keiner läuft später mit einem Röntgenbild durch die Gegend und zeigt es her, sondern es ist auch, wie der Rücken aussieht. Da kommt schon auch ein kosmetischer Aspekt dazu. Da haben die Patienten schon eine Verbesserung. Man sieht tatsächlich auch bei einer gut laufenden Korsetttherapie, dass es viel weniger auffällig ist, dass wir eben diesen Lendenwulst, den Rippenbuckel, von dem wir gesprochen haben, das man den weniger sieht. Oder zumindest auch Taillenasymmetrien oder Schulterasymmetrien, die man beobachtet. Die werden besser unter einer gut laufenden Korsetttherapie, selbst wenn die Gradzahl die gleiche bleibt.
Axel Enninger: Und ihr wollt sie ja vor allem gut durch die Wachstumsphase kriegen, oder?
Micha Langendörfer: Genau.
Axel Enninger: Das ist ja der entscheidende Punkt, wenn ich es richtig verstanden habe.
Micha Langendörfer: Also Wachstum ist tatsächlich zwar etwas Schönes generell, aber eine Skoliose, die sich in eine Fehlstellung bewegt hat, wird zunehmen. Das heißt, solange tatsächliches Wachstum stattfindet, müssen wir die Patienten behandeln und genau im Auge behalten. Dazu zählen dann auch die Kontrollen, dass man eventuell die Wachstumsfugen im Handskelett oder Ellbogen, wenn erforderlich, früher prüft, um es ein bisschen einschätzen zu können, auch von der Prognose her: Braucht es überhaupt noch ein Korsett? Wir sehen durchaus auch manchmal dreizehnjährige Mädchen, die aber schon komplett, voll entwickelt sind, das Wachstum ist abgeschlossen. Dann brauchen sie unter Umständen kein Korsett mehr. Wachstum ist da schon ein ganz wichtiger Parameter, den nehmen wir immer mit.
Korsettbehandlung mindestens bis zum Ende des Längenwachstums
Axel Enninger: Kann man über den Daumen gepeilt sagen, wie lange ihr solche Korsettbehandlungen macht? Wenn du jetzt ein Korsett verordnest und es ist so ein, sagen wir mal, „anfänglicher Teenager“. Wie lange muss er sich mental darauf einstellen, dass er dieses Korsett tragen muss? Reden wir da über ein halbes Jahr, über ein Jahr, über zwei oder über vier, was ist da so die Dauer?
Micha Langendörfer: Also ein halbes Jahr, das ist nicht realistisch. Da müssen wir entweder zu spät dran sein oder es macht keinen Sinn. Also wir sprechen eigentlich schon von mindestens 1,5–2 Jahren. Das hängt wirklich davon ab, wann der Patient sich vorstellt und wie lange er dann noch wächst. Es gibt dann schon auch unterschiedliche Ansichten von den Behandlern, wie lange man dann über das Wachstumsende hinaus behandelt. Für mich ist es schon so, dass ich sagen muss, ich möchte sicher sein, dass das Wachstum so weit abgeschlossen ist, dass kein relevantes Längenwachstum mehr stattfindet. Dann schule ich ab, weil ich es nicht für gut halte, eine sehr lange Korsettbehandlung hinauszuziehen, was keinem gut tut.
Axel Enninger: Was heißt: „Ich schule ab“?
Micha Langendörfer: Also, wenn ich jetzt ein Korsett trage und die Patienten, die es gut machen, die tragen es ja dann 16–20 Stunden am Tag und die merken schon ganz genau, wenn sie das Korsett mal weglassen, dass es ihnen nicht so richtig gut tut. Es gibt da tatsächlich dann auch Patienten, die können es gar nicht so lange weglassen, die muss man dann „abschulen“. Wenn ich jetzt sehe, vom Röntgen, von der gesamten Entwicklung her, bin zufrieden mit meiner Behandlung, dann startet man die Abschulung. Wir handhaben es so, dass wir es über ein halbes Jahr lang tagsüber reduzieren, also vielleicht die ersten 3 Monate pro Woche täglich etwas weniger werden lassen und dann noch mal 3 Monate es nur noch nachts anziehen, sodass man da ein gewisses Ausschleichen dieser Therapie hat. Dann muss man noch mal prüfen, wie es sich weiterentwickelt. In der Regel sollte es dann stabil bleiben.
Operation mit „wilden Methoden“
Axel Enninger: Nehmen wir jetzt mal an, das Ganze hat doch nicht so gut geklappt. Entweder die Compliance war nicht gut oder die Biologie. Ich glaube, da muss man nicht einmal einen Vorwurf machen – manchmal ist die Biologie dieser Skoliosen ja wirklich blöd und es wird so erst einmal nichts. Dann habt ihr Orthopäden da, sag ich mal, „wilde Methoden“, zumindest für den Pädiater wild aussehende Methoden, diese Skoliosen zu operieren. Wann macht ihr denn das und vor allem, wie macht ihr denn das?
Micha Langendörfer: Das sind schon wilde Methoden, das ist richtig, wenn man es dann physisch vor sich sieht. Aber wann machen wir es? Wir machen es immer dann, wenn klar absehbar ist, dass diese Behandlung nicht mit einem Ergebnis enden wird, das zufriedenstellend ist. Was ist jetzt für uns zufriedenstellend? Eine ganz klare Linie ziehen wir schon bei 50 °, da sind wir wieder bei den Winkeln. Warum ist das so? Bei der 50-Grad-Deformität kommt man laut Statistik und Literatur und vielen Untersuchungen schon an den Punkt, wo auch nach abgeschlossenem Wachstum die Wahrscheinlichkeit, dass diese Skoliose stabil bleibt, nicht mehr da ist. Das heißt, man muss davon ausgehen, dass man dann trotz abgeschlossenen Wachstums pro Jahr ein Grad Verschlechterung hat, wahrscheinlich über die ersten 10–15, 20 Jahre. Das heißt, dann endet man bei 65- bis 70-Grad-Skoliosen. Da weiß man, dass die Lebensqualität, wenn es operiert worden ist, besser ist als bei denen, die nicht operiert worden sind.
Axel Enninger: Okay, das heißt „richtig schief“ gehört operiert.
Micha Langendörfer: „Richtig schief“ gehört operiert. Das sind Gott sei Dank nicht so viele, weil nicht immer die Biologie so schlecht ist oder die Compliance so schlecht ist. Aber es sind im Endeffekt doch eine Menge Patienten, die es dann so weit betrifft. Man unterscheidet auch, an welcher Stelle diese Krümmung ist. Im thorakalen Bereich spreche ich von diesen 50 °, im unteren, im lumbalen Bereich ist es so ab 40 ° schon kritischer zu sehen, gerade wenn sie sehr flexibel und sehr lax sind und der Patient auch noch eine Fehlhaltung hat, also aus dem Lot steht. Das sind die Patienten, die wirklich sehr stark zur Seite abweichen und die Taille dann unschön aussieht. Die profitieren von solchen Eingriffen einmal von der Prognose her auf Dauer, dass die Fehlstatik behoben wird, und es ist in den Fällen tatsächlich auch eine kosmetische Verbesserung, die man nicht unterschätzen darf, gerade beim jungen Menschen.
Axel Enninger: Dann erklär doch mal für die Nicht-Pädiater, wo ihr Stangen reinmacht. Und wie muss ich mir das in der OP vorstellen? Ich sag jetzt mal, ich hab da eine schiefe Wirbelsäule und da gibt es lauter Gelenke, die wir alle in der Anatomie mal gelernt haben, alle längst vergessen haben, jedenfalls die Nicht-Orthopäden. Dann gibt es Rippen, und meine Vorstellung ist ja nicht, da macht man irgendwas und dann machen wir „schwupp“, dann ist alles wieder gerade. Gib uns doch mal ein bisschen Einblick in deinen OP-Alltag, wenn du so etwas operierst.
Micha Langendörfer: Es gibt natürlich eine Unzahl an OP-Methoden und verschiedene Indikationen. Ich fasse jetzt mal die wichtigsten zusammen, und ich denke, die meisten Korrekturen, landläufig, werden tatsächlich für so eine endgültige Korrektur von hinten, direkt, also entlang der Dornfortsatzlinie sozusagen begonnen. Es gibt Möglichkeiten allerdings auch über einen ventralen Zugang, über Rippen oder über einen lumbalen Zugang, von der Seite heranzukommen. Das sind aber dann tatsächlich, würde ich sagen, im Schnitt weniger Indikationen, wo diese Methode Vorteile hat. Die meisten Fehlstellungen kann man über einen hinteren Zugang lösen und da ist es tatsächlich so, dass man einen geraden Schnitt von der geplanten Strecke, die man eben operativ versorgt, durchführt und sich dann wirklich auf die Dornfortsätze herunterarbeitet, die Muskulatur vorsichtig zur Seite schiebt, wegpräpariert, dass man quasi von hinten die Dornfortsätze sieht bis zu den Querfortsätzen, die Rippenköpfchen, und dann hat man eigentlich den knöchernen Anteil der Wirbelbögen schön vor sich und von dort aus muss man letztendlich feststellen, wenn man dann so an diesem Punkt ist, wie stark diese Verkrümmung dieser Skoliose ist. Man stellt sich ja vor, man drückt es vielleicht dann einfach gerade. Aber die Fälle, die im Korsett nicht gut gerade zu korrigieren sind, da stellt man fest, selbst auch wenn sie im OP auf dem Tisch liegen, ist es sehr, sehr fest. Wir sehen da schon oft sehr steife Situationen. Und wir sind dann ein Großteil der OP auch beschäftigt, erstmal diese Steifheit zu lösen. Bei sehr schwer ausgeprägten Fällen, wenn es dann über 70–80 ° Krümmung sind, müssen wir tatsächlich an den Wirbelbögen Gelenke aufmachen, die Facettengelenke aufmachen, um überhaupt mehr Beweglichkeit zu schaffen. Wir setzen dann Ankerpunkte. Meistens werden Schrauben verwendet, die eben über den Pedikel am Rückenmark vorbei im Knochenkanal verlaufend in den Wirbelkörper eingebracht werden. Es gibt auch Hakenbänder, die man an den Laminae einsetzen kann, aber meistens werden Schrauben verwendet. Man besetzt rechts- und linksseitig diese Wirbelkörper und bringt dann 2 Stäbe ein.
Axel Enninger: Also nur noch mal für blöde Nicht-Operateure, das heißt, ein Großteil der Arbeit ist erstmal quasi die Mobilisierung der Skoliose und dann habt ihr das Ganze so mobilisiert, dass ihr es dann in eine Richtung schieben könnt, wie es halbwegs gerade wird und dann kommen diese Ankerpunkte und dann diese Stangen rechts und links.
Micha Langendörfer: Dieses Geradeschieben geht erst mit den Ankerpunkten, also das heißt, es braucht die Ankerpunkte. Wir setzen mittlerweile wirklich sehr stabile, rigide Kobalt-Chromstäbe, zum Beispiel, ein, das ist natürlich jetzt wieder Operateurs-Gusto. Man muss es sich wirklich so vorstellen, dass wir die Stäbe, die wir einsetzen, in einer Form konturieren, wie wir denken, dass der Rücken tatsächlich korrigiert sein sollte. Dann muss man auch feststellen, dass wenn man sie verbindet mit den Schrauben und die Wirbelsäule versucht, an diese Stäbe heranzuziehen, dann sind die Kräfte des Körpers so stark, dass diese starken Stahlstäbe wieder zurückgebogen werden. Also wenn man Pech hat, sozusagen wieder ein bisschen sehr gerade, was für dieses leichte Rundrückenprofil, das man eigentlich haben möchte, stört.
Die OP-Technik mit intraoperativem Neuromonitoring
Axel Enninger: Klingt echt nach Kräften, die da wirken. Wenn ich mir vorstelle, das macht man so und da ist das Rückenmark in der Nähe, wie guckt ihr denn, dass ihr da nichts kaputt macht?
Micha Langendörfer: Das ist sehr wichtig. Das Rückenmark ist eigentlich der größte Verhinderer einer wirklich schönen geraden Korrektur. Man könnte es viel schöner gerade machen, ohne das. Aber klar, wir brauchen Neuromonitoring, das ist obligatorisch. Da wird sich ein Großteil vor der OP wirklich damit beschäftigt, dass man entsprechende MEPs, SEPs ableitet, die freilaufende EMG, und das Ergebnis und die Sicherheit steht und fällt natürlich mit dieser Maßnahme.
Axel Enninger: Das heißt, ihr macht das auch intraoperativ. Das heißt, ihr zieht und drückt und tut und macht und guckt immer, dass ihr sozusagen nicht zu weit… Okay.
Micha Langendörfer: Also ich prüfe schon tatsächlich jeden invasiven Schritt, also jede Schraube, jede Manipulation wird geprüft. Wenn ich ein Hakenband setze, egal wie klein diese Aktivität ist, prüfen wir es, dass danach alles okay ist. Wenn jetzt je etwas auftreten würde, muss man natürlich schauen, dass man zurückverfolgen kann, woran hat es gelegen, war es meine Schuld? Meistens ist ja eh die Anästhesie. Den kann ich mir jetzt nicht verkneifen. [Schmunzeln.]
Axel Enninger: Nein, natürlich nicht. Aber eine Podcast-Folge mit einem Anästhesisten hatten wir übrigens noch gar nicht. Danke für den Hinweis, da müssen wir jetzt mal gucken.
Micha Langendörfer: Nein, also Spaß beiseite. Es ist aber tatsächlich so, dass man als Orthopäde lernen muss, interdisziplinär in diesem Team zu arbeiten. Wir brauchen einen Neuromonitoring-Spezialisten. Wir sind ganz stark darauf angewiesen, dass unser Anästhesist genauso mit im Boot ist, dass er ein sauberes Blutdruckmanagement macht und auch reagieren kann, wenn wir ein Problem haben, dass er den Blutdruck gezielt anheben kann, den Patienten stabil führt. Das ist alles essenziell, ich mag gar nicht zu sehr ins Detail gehen. Aber wenn in dem Setting das alles stimmt, dann kann man sehr sicher nachvollziehen, dass alles in Ordnung ist oder nachvollziehen, woran es gerade liegt. Man darf wirklich nicht unterschätzen, wie viel Stress wir da auf die Wirbelsäule bringen. Ich würde sagen, am meisten Sorge haben wir tatsächlich, wenn wir sie zu sehr gerade machen, was passiert dann? Das Rückenmark liegt ja wie in einer Rennbahnkurve knochennah am Knochen an, und wenn wir es jetzt gerade ziehen, dann gibt es einen richtigen Dehnungsstress in dem Bereich, wo die konkave Seite ist, die Innenkrümmung. Da zieht es natürlich unheimlich. Das können wir von außen gar nicht einschätzen. Wir müssen auf diese Potenzialänderungen reagieren. Man muss langsam arbeiten. Ich glaube, es ist wichtig, dass man die Korrektur nicht zu schnell und abrupt durchführt und dass man der Wirbelsäule ein bisschen Zeit lässt zu reagieren.
Axel Enninger: Wie lange braucht ihr da? Kannst du sagen, wie viel OP-Zeit ihr einplant?
Micha Langendörfer: Ich plane tatsächlich einen ganzen Tag ein, für einen großen Fall zumindest, weil die Vorbereitungszeit länger ist, die Nachbereitung, und man zwar, wenn es alles super läuft, vielleicht noch das eine oder andere machen könnte, aber wenn es eben Schwierigkeiten gibt, dann muss man einfach vorbereitet sein, dass man diese Zeit hat, die man braucht. Das, finde ich, ist wichtig.
Nach OP die Stabilisierung abwarten, dann ist vieles wieder möglich
Axel Enninger: Jetzt ist meine Vorstellung die: Da war ich lange im OP, habe Schrauben, Stangen und so weiter hinten im Rücken, da brauche ich ein ordentliches Schmerzmanagement hinterher, oder?
Micha Langendörfer: Das ist richtig, ja. Das ist natürlich auch ein wichtiger Faktor, dass die ganze Erholungsphase möglichst reibungslos geht. Wir versuchen, wenn möglich, immer einen Periduralkatheter zu legen. Das machen wir jetzt in meiner neuen Klinik so, das hat sich wirklich auch sehr bewährt, weil es den Opiatverbrauch deutlich reduziert. Das wäre das Ziel. Manchmal, wenn man Auffälligkeiten im Neuromonitoring hatte, möchte man keinen Periduralkatheter legen, weil es manchmal Situationen gibt, wo zum Beispiel ein Taubheitsgefühl auftritt, wenn er ein bisschen überdosiert ist. Das wäre für mich jetzt eine Kontraindikation, ansonsten fahren wir damit gut. Wenn man es nicht machen kann, infiltrieren wir gerne großzügig mit Ropivacain die Haut, subkutan, Muskulatur. Das ist gar nicht so schlecht, das hält tatsächlich wirklich bis zu 48 Stunden ganz gut an. Da haben wir eigentlich gute Erfahrungen gemacht, das wäre die Alternative.
Axel Enninger: Okay, aber eine Nacht auf Intensiv ist gebucht, oder?
Micha Langendörfer: Eine Nacht ist gebucht, ja.
Axel Enninger: Okay. Jetzt geht alles gut und du entlässt den Patienten. Die Stangen bleiben immer drin, oder?
Micha Langendörfer: Die Stangen kommen nicht mehr raus. Sie kommen wirklich nur raus, wenn es in irgendeiner Form Komplikationen gibt, Irritationen, was wir zu vermeiden versuchen. Also ich habe da eigentlich keine Indikation sie zu entfernen. Man muss es sich tatsächlich auch so vorstellen – da kommt auch dieser Begriff „Versteifungs-OP“ her – wir arbeiten ja sehr lange daran, diese versteifende Erkrankung Skoliose so weit zu bewegen, dass wir sie gerader machen können. Wenn man es, sagen wir mal, minimalistisch versorgt, hat man früher festgestellt, dass es doch zu Stabbruch kommt, weil der Knochen nicht ausreichend verknöchert in dieser Zone. Das Ziel ist, dass man, um dann Ruhe zu haben, dass nichts mehr nachkommt, es tatsächlich zu einer Verknöcherung aller fusionierten Elemente kommt. Das ist in Kombination mit den Stäben dann stabil. Wir lassen die Bandscheiben zum Beispiel unbehelligt. Das heißt, wir haben nur von hinten eine Stabilisierung, und dann sind Stab und die Verknöcherung des OP-Gebietes ausreichend.
Axel Enninger: Und was kann der Patient bewegen? Was darf er bewegen? Stichwort Sport, wann darf ich was machen?
Micha Langendörfer: Also, wir sind da sehr langsam in der Anfangsphase. Das heißt, wir wollen für das erste halbe Jahr definitiv keinen echten Sport außer schwimmen, gehen, laufen, das kann man machen. Aber die Idee ist, dass der Knochen einheilen kann und sich stabilisiert. Dann hängt es ein bisschen davon ab, ob wir nur an der Brustwirbelsäule unterwegs sind oder auch in der Lendenwirbelsäule. Wenn ich eine – für uns schöne – Korrektur habe, die nur im Brustwirbelsäulenbereich ist, dann kann man eigentlich nach einem halben Jahr auch schon anfangen, die Belastung zu steigern. Nach einem Jahr spätestens gibt man den Patienten frei für Sport – oder so Dinge wie Achterbahn ist eher ein Thema für viele, dass so etwas zum Beispiel im Freizeitpark geht. Ich hatte gerade diese Woche tatsächlich eine Patientin, die mir Bilder gezeigt hat, ein Jahr nach der OP, wie sie Flick-Flack und alles macht.
Axel Enninger: Flick-Flack mit den Stangen.
Micha Langendörfer: Mit den Stangen, ja. Da wird einem auch ganz anders, aber es sieht alles tipptopp aus und dann nach einem Jahr, warum nicht? Man muss es aber vorher auch schon können.
Der Scanner am Flughafen schlägt nicht an
Axel Enninger: Okay, sehr gut. Banale Frage: Piepst es immer, wenn ich ins Flugzeug steige oder ist das falsch?
Micha Langendörfer: Das ist falsch. Man kriegt natürlich auch nicht alles berichtet, aber in der Regel ist es so, dass diese Scanner darauf nicht mehr anspringen. Ich habe anekdotisch eine Patientin, die im Einkaufszentrum in Tuttlingen irgendwie recht bekannt war, weil es da immer gepiept hat. Was wir machen, ist, wir geben den Patienten grundsätzlich einen Implantatausweis mit. Falls jemals etwas sein sollte, ist es sinnvoll, dass man genau weiß, was drin ist. Dass man zumindest die Möglichkeit hat zu zeigen, dass da etwas drin ist.
Axel Enninger: Was ist das für Material? Kann man das sagen? Oder gibt es da ganz viele verschiedene?
Micha Langendörfer: Also im Wesentlichen sind es Titanschrauben. Das ist ziemlicher Standard, und die Stäbe, da kann man dann variieren zwischen Titan und Kobalt-Chrom. In der Regel ist das aber alles MR-tauglich.
Axel Enninger: Micha, vielen herzlichen Dank. Das war wirklich ein spannender Einblick und unsere Podcast-Folgen enden üblicherweise mit den Dos und Don’ts, mit den Ratschlägen, die du gerne positiv loswerden möchtest oder den Dingen, wo du sagen würdest: ‚Ach, liebe Kollegen, lasst doch das besser mal sein.‘ Du darfst auch nur Dos habe. Wie du möchtest.
Danach schauen, prüfen, Skoliometer
Micha Langendörfer: Ja, ich bin mehr so der „Do-Mensch“, glaube ich. Ich freue mich natürlich, das pädiatrische Interesse geweckt zu haben, hoffe ich. Dass man danach schaut, dass man in der Anamnese hellhörig wird und einfach prüft. Das ist ein wichtiges Thema und mein Do-Tipp wäre tatsächlich die Skoliometer-Anschaffung. Das glaube ich schon, dass es einem helfen kann, zumindest, um ein bisschen auch die Scheu abzubauen, wie man seine eigene Diagnose eben bestätigen kann.
Axel Enninger: Okay, super. Vielen herzlichen Dank, auch das ein orthopädisch, pragmatisch kurzer Tipp. Also noch mal vielen Dank fürs Kommen und Ihnen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, vielen Dank fürs Zuhören, für Ihr Interesse. Wir freuen uns wie immer über Bewertungen, natürlich über gute. Wir freuen uns aber auch über neue Themenvorschläge, über Vorschläge zu neuen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern und wie immer können Sie die wesentlichen Dinge, die wir auch schriftlich noch hinterlegt haben, in den Shownotes lesen. Vielen Dank fürs Zuhören und bleiben Sie uns gewogen.
Hilfreiche Informationen:
Leitlinie:
AWMF (2023) Adoleszente Idiopathische Skoliose, S2k-Leitlinie. AWMF-Register Nr. 151/002. https://register.awmf.org/assets/guidelines/151-002l_Sk_Adoleszente-Idiopathische-Skoliose_2023-03.pdf.
Links:
VKO, Vereinigung für Kinderorthopädie, https://www.kinderorthopaedie.org/spezialisten-karte.html.
Bundesverband Skoliose-Selbsthilfe e. V. – Interessengemeinschaft für Wirbelsäulengeschädigte. https://www.bundesverband-skoliose.de/eltern-und-angehoerige/
Literatur:
Weinstein SL, Dolan LA, Wright JG et al. (2013) Effects of Bracing in Adolescents with Idiopathic Scoliosis. N Engl J Med 369: 1512–21. DOI: 10.1056/NEJMoa1307337.
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Verantwortlich für den Inhalt: Dr. Markus Rudolph
Sprecherin: Das war consilium, der Pädiatrie-Podcast. Vielen Dank, dass Sie reingehört haben. Wir hoffen, es hat Ihnen gefallen und dass Sie das nächste Mal wieder dabei sind. Bitte bewerten Sie diesen Podcast und vor allem empfehlen Sie ihn Ihren Kollegen. Schreiben Sie uns gerne bei Anmerkung und Rückmeldung an die E-Mail-Adresse consilium@infectopharm.com. Die E-Mail-Adresse finden Sie auch noch in den Shownotes. Vielen Dank fürs Zuhören und bis zur nächsten Folge!
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