#4 Tinnitus
Gast: Prof. Birgit Mazurek.
Orlando Guntinas-Lichius …
… ist Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde und immer wieder aufs Neue begeistert von der Vielfalt des Fachgebiets. Er ist Direktor der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie am Universitätsklinikum in Jena. In diesem Podcast geht es um den Brückenschlag zwischen aktueller Forschung und dem HNO-Alltag. Dafür beleuchtet er gemeinsam mit seinen Gästen neue Entwicklungen und konkrete Fälle der Behandlung.
Orlando Guntinas-Lichius: Liebe Gäste, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, herzlich willkommen zu einer neuen Folge vom Podcast consilium HNO, und heute soll es um das Thema Tinnitus gehen. Mein Gast heute ist Frau Professor Birgit Mazurek. Frau Prof. Birgit Mazurek ist Direktorin des Tinnituszentrums an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und sie zählt zu den international führenden Expertinnen auf dem Gebiet der Tinnitusforschung. Sie beschäftigt sich insbesondere mit neurootologischen und translationalen Therapieansätzen für dieses Krankheitsbild. Entsprechend liegen ihre wissenschaftlichen Schwerpunkte in der Pathophysiologie des Tinnitus, der Bedeutung von Hörstörungen und innovativen Behandlungsstrategien, wie Neuromodulation – darüber werden wir sicherlich später sprechen – und personalisierten Therapiekonzepten. Sie ist auch Vorstandsvorsitzende der Deutschen Tinnitus-Stiftung Charité und im wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Tinnitus-Liga. Herzlich willkommen! Was ganz wichtig ist: Wir kennen uns schon länger, und deswegen werden wir uns während des Podcasts auch duzen, nehme ich an, Birgit, nicht wahr?
Birgit Mazurek: Ja, Orlando, ich freue mich. Ja, wir duzen uns.
Orlando Guntinas-Lichius: Woran liegt es eigentlich? Manchmal kommen Patienten zur Tür herein und sagen: „Ich habe Ohrgeräusche, aber ich habe doch keinen Tinnitus.“ Was steckt da eigentlich dahinter? Da steckt irgendeine Angst dahinter. Ich weiß nicht, ob du das auch kennst?
Birgit Mazurek: Also, ich würde es nicht als Angst bezeichnen. Manche äußern einfach das umgangssprachliche Wort „Ohrgeräusche“ und können es nicht mit dem medizinischen Jargon verknüpfen. Letztendlich sollte man den Patienten einfach ernstnehmen und erst mal eine Diagnostik vorantreiben, so dass wir dann im Prinzip wissen, was wir therapeutisch tun müssen.
Es beginnt peripher und mit einer Aktivitätsänderung der Hörbahn
Orlando Guntinas-Lichius: Es hat sicherlich auch etwas damit zu tun, dass in dem einen das Wort „Ohr“ steckt, „Ohrgeräusch“. Lass uns einmal direkt eintauchen in ein spannendes Thema. Da hat sich eine Menge getan, aber dazu bist du die Expertin: Ist ein peripherer Schaden entscheidend oder ist es etwas Neuronales, Kortikales, also eigentlich gar kein „Ohr“-geräusch?
Birgit Mazurek: Also ich glaube, die aktuelle Sichtweise dazu ist, dass das Ohrgeräusch wirklich in der Peripherie anfängt, dass häufig Hörsinneszellen geschädigt sind – und zwar sowohl die äußeren Hörsinneszellen als auch die inneren Hörsinneszellen. Und dies führt zu einer Aktivitätsveränderung im Bereich der Hörbahn. Darüber hinaus kommt es neben den auditorischen Pathways dann noch zu einer Verknüpfung mit extra-auditorischen Pathways. Das sind vor allen Dingen die Gefühlssysteme, also das limbische System, und das macht dann auch die Belastungsebene auf. Am Ende kommt es zu einer Abspeicherung im Gehirn, also im auditorischen Kortex.
Akut oder chronisch? Die Therapie ist anders
Orlando Guntinas-Lichius: Okay, also man kann eigentlich gar nicht trennen, wenn ich das jetzt richtig sehe, zwischen Peripherie und zentralem System. Aber wir werden sicherlich gleich noch drauf eingehen, wenn wir uns mehr mit Diagnostik und dann auch mit modernen Konzepten beschäftigen. Aber vielleicht noch mal zur Systematik: Warum ist es eigentlich so wichtig, zwischen akutem und chronischem Tinnitus zu unterscheiden?
Birgit Mazurek: Die Unterscheidung ist deshalb wichtig, weil es therapeutisch einen Unterschied macht. Akut ist innerhalb der ersten drei Monate, und dort sollten wir dann eine Akuttherapie veranlassen. Das heißt, aktuell würden wir das akute Ohrgeräusch gleichsetzen mit der Hörsturzbehandlung. Das heißt, wir würden dem Patienten zu Cortison raten. Ab drei Monaten gehen wir davon aus, dass es sich um eine Chronifizierung handelt, und dann wird zu keiner Akuttherapie mehr geraten, auch wenn sich das Ohrgeräusch zum Beispiel kurzfristig mal verstärkt etc. Im chronischen Stadium geht es dann von der therapeutischen, medikamentösen Sichtweise maximal um die Behandlung der Komorbiditäten, wie zum Beispiel die Depression.
Orlando Guntinas-Lichius: Okay, also das Entscheidende – wir kommen ja gleich noch zur Diagnostik – die Trennung vor allem, weil es in ganz andere Therapierichtungen geht? Okay.
Birgit Mazurek: Völlig richtig.
HNO liefert als primärer Ansprechpartner die Basisdiagnostik
Orlando Guntinas-Lichius: Du hast jetzt schon Cortison erwähnt. Wir werden später noch darauf eingehen. Was mir noch wichtig ist in Bezug auf die Erstvorstellung: Ist der HNO-Arzt tatsächlich – jetzt ein bisschen provokant formuliert – eigentlich der richtige Ansprechpartner, oder wer ist es? Warum kommen die Patienten zu uns und sind vielleicht bei uns auch sehr gut aufgehoben? Wenn es aber doch vielleicht ein kortikales Problem ist, dann müssten sie doch eigentlich zum Neurologen gehen.
Birgit Mazurek: Also, wir sind die primären Ansprechpartner, das ist völlig korrekt. Das heißt, wenn der Patient zu uns kommt, muss ganz klar die Anamnese durchgeführt werden. Es sollten auch die Ohrmikroskopie, Nasenendoskopie und Laryngoskopie durchgeführt werden, und dann natürlich die Audiologie. Und das ist ein ganz entscheidender Baustein. Also wir brauchen das Tonschwellenaudiogramm, wir brauchen die Tinnitusfrequenz und bestimmung, wir brauchen das Sprachaudiogramm, und wir brauchen auch weiterleitende Testungen, wie zum Beispiel die Hirnstammaudiometrie und die Distorsionsprodukte. Das heißt demzufolge, es ist primär unsere HNO-ärztliche Aufgabe, uns das als Allererstes anzuschauen und dann im nächsten Schritt zu schauen: Sind vielleicht vermehrt Komorbiditäten da, ist die Depression in vorderster Linie? Und dann werden weitere Fachgebiete hinzugezogen, wie zum Beispiel auch die manuelle Therapie und physikalische Rehabilitationsbereiche oder zum Beispiel dann auch die Psychiatrie oder Psychosomatik.
Objektiver / subjektiver Tinnitus, MRT ist nicht immer „Überdiagnostik“
Orlando Guntinas-Lichius: Die Basisdiagnostik dient ja vor allem dazu – auch wenn sie natürlich relativ seltener sind – objektive Ursachen für die Entstehung des Tinnitus auszuschließen. Das heißt, wenn jetzt die HNO-Untersuchung unauffällig ist: Muss ich dann immer ein MRT machen? Wie ist da der aktuelle Sachstand? Oder ist das Überdiagnostik?
Birgit Mazurek: Das wäre dann Überdiagnostik. Also, vielleicht noch mal einen Schritt zuvor: Wir unterteilen in objektiv und subjektiv, wobei die objektiven Ohrgeräusche sehr selten sind. Objektiv wäre zum Beispiel ein Myoklonus des Musculus stapedius oder auch ein Glomustumor. Das heißt, spätestens wenn der Patient oder die Patientin sagt: „Mein Mann, meine Frau oder mein Bruder hört das auch“, dann sollten wir hellhörig werden und sollten entweder nah an den Patienten rangehen mit dem Stethoskop oder mit einem Hörschlauch. Das wäre also erst einmal die Unterteilung objektiv/subjektiv. Wenn das Hörvermögen normal ist, muss man kein MRT durchführen. Ein MRT und auch eine MR-Angiographie wären sinnvoll, vor allen Dingen bei einem pulssynchronen Ohrgeräusch und bei einem asymmetrischen Hörverlust.
Orlando Guntinas-Lichius: Also pulssynchron, das, was man auch als „pulsatilen Tinnitus“ bezeichnet. Okay, genau. Das haben wir, glaube ich, bei uns auch in dem Katalog als Frage, und wenn die Patienten das angeben, wäre das eine Indikation für eine Bildgebung.
Birgit Mazurek: Genau. Und vielleicht noch eine Anmerkung: Wichtig ist natürlich auch, wenn die Hirnstammaudiometrie auffällig ist, dann sollte man auch eine Bildgebung anstreben.
Orlando Guntinas-Lichius: Okay, das erinnert mich so ein bisschen an die HODOCORT-Studie. Da geht es ja eigentlich um Hörsturz, aber da haben wir ja gesehen – weil die Patienten in der Studie ja alle ein MRT bekommen haben, und das hat mich überrascht – eine höhere Prävalenz von Vestibularis-Schwannomen, als ich das eigentlich zuvor angenommen hatte. Aber das ist eigentlich die Relevanz der Hirnstammaudiometrie, weil es dann um das Vestibularis-Schwannom geht. Okay. Gibt es denn noch andere Zeichen, die man bei Tinnituspatienten beachten sollte? Wir reden ja im Moment noch nicht über die Trennung zwischen akut und chronisch, aber gibt es gerade beim akuten auch irgendwelche anderen Red Flags? Also wir hatten das mit dem pulsatilen Tinnitus, wir hatten das auch für die Hirnstammaudiometrie. Gibt es da noch andere Dinge, die zu beachten sind?
Tinnitus-Fragebögen, Komorbiditäten ansprechen: Depressionssymptome, Suizidalität, Schlaf, Stress…
Birgit Mazurek: Der Hörverlust auf jeden Fall. Also: Hat der Patient einen akuten Hörverlust oder einen intermittierenden Hörverlust? Und dann vor allen Dingen die Komorbiditäten. Und da würde ich aus HNO-ärztlicher Sicht allem voranstellen, dass wir die Depression mit abfragen. Also zum Beispiel: Ist die Stimmung gedämpft, gedrückt? Liegt ein Interessensverlust vor, Freudlosigkeit? Ist man schnell ermüdbar, Antriebsmangel? Das sind so die Hauptsymptome. Und natürlich kann man dann auch Nebensymptome abfragen, aber das wäre etwas, was ich als Red Flag benennen würde. Denn wenn eine Depression vorliegt, dann muss natürlich nicht nur HNO-ärztlich behandelt werden, das ist völlig klar.
Orlando Guntinas-Lichius: Ja, und habe ich das richtig verstanden: Das wäre auch bei einem Patienten mit einem akuten Tinnitus so, dass ihr danach fragt oder darauf achtet? Okay. Und das macht ihr mit standardisierten Fragebögen oder wie geht ihr da vor?
Birgit Mazurek: Man kann das über Scoring machen. Zum Beispiel in der Leitlinie zur unipolaren Depression findet man das. Da gibt es die Unterteilung in Hauptsymptome und Nebensymptome. Dann hat man eine Einteilung in geringe, mittelgradige und schwere Depressivität. Das ist etwas, das relativ einfach geht. Wichtig wäre auch immer, die Suizidalität noch einmal abzufragen. Das ist ein wichtiger Punkt, der uns HNO-Ärzten nicht ganz so liegt, aber man sollte es einfach ansprechen, so dass man dort in einem sicheren Fahrwasser ist. Dann befindet man sich eigentlich schon in einem guten Rahmen. Und wenn wir gerade bei der Akuttherapie schon einmal Cortison angesprochen haben, dann wissen wir natürlich schon, bei den hohen Dosierungen, aber auch bei 60 mg kann es zur Affektlabilität kommen. Es kann zu Schlaflosigkeit führen. Das heißt, den Punkt: „Wie sieht denn aktuell das Schlafen aus?“ würde ich im Akutstadium auch immer mit abfragen, weil ich den Patienten sonst mit dem Cortisonschema genau in diese Problematik hineinbringe.
Orlando Guntinas-Lichius: Ja. Neben den Fragebögen, die wir jetzt gerade angesprochen haben, die ja auf die Komorbidität abzielen und deren Bedeutung du jetzt ja sehr hervorgehoben hast – also das fand ich schon mal sehr wichtig – welche Rolle spielen denn Fragebögen, die die Tinnitusschwere beurteilen sollen? Da gibt es ja einige.
Birgit Mazurek: Also, Tinnitus-Fragebögen sind sehr wichtig, erst einmal, weil sie validiert sind. Und zwar haben wir zum einen den für Deutschland zugelassenen Tinnitus-Fragebogen nach Goebel und Hiller. Den gibt es als lange Version, aber auch als kurze Version. Die kurze Version ist ja auch gut für die Praxis geeignet. Darüber hinaus gibt es weitere Tinnitus-Fragebögen, wie zum Beispiel den THI und den TFI. Wichtig ist, dass mit diesem Fragebögen der Tinnitus-Distress abgefragt wird. Und das ist ein Sammelsurium aus dem generellen Stresserleben, aus Schlafstörungen, aus dem audiologischen Perzept und auch aus so etwas wie kognitiver Fehlfunktion, Depressivität und Ängstlichkeit. Deshalb ist es so wertvoll, dass man diesen Tinnitus-Distress mit validierten Fragebögen abfragt. In Zentren, wenn nachher die Behandlung vielleicht aus der peripheren Klinik oder aus der Praxis weiter vorangebracht werden muss, dann sollten Fragebögen auch zur Stressbelastung, generellen Stressbelastung, wie zum Beispiel der Perceived Stress Questionnaire oder auch Fragebögen zur Depression und Ängstlichkeit wie der HADS hinzugenommen werden.
Orlando Guntinas-Lichius: Ja. Das heißt auch hier noch einmal: Diese Fragebögen setzt ihr ein nicht nur bei chronischem Tinnitus, sondern auch bei den Patienten, die mit akutem Tinnitus hereinkommen, okay. Also ich muss schon ein gewisses Repertoire an Fragebögen bereithalten oder auf jeden Fall auf die Komorbidität eingehen. Es reicht vielleicht eben nicht – ich glaube, die meisten machen den Tinnitus-Fragebogen nach Goebel und Hiller – aber ich habe es jetzt schon verstanden, dass es heute wichtig ist, um auch die Komorbidität ausreichend zu betrachten, auch andere Fragebögen oder Instrumente zu benutzen.
Birgit Mazurek: Also, man müsste das unterteilen. Natürlich sollte in Zentren, also Tinnitus-Zentren in Deutschland, eine Mehrdiagnostik erfolgen. Dazu gehören also die Fragebögen zur Depressivität, Ängstlichkeit und auch dem generellen Stresserleben. Wenn ich es jetzt in der HNO-Praxis mache oder in einer Klinik, die nicht auf Tinnitus ausgerichtet ist, dann bin ich mit dem Tinnitus-Fragebogen nach Goebel und Hiller erst einmal schon gut aufgestellt. Ich sollte aber ganz generell fragen – das kann ich verbal tun: „Liegt eine Depressivität vor oder eine Depression, sind Sie deshalb schon behandelt?“ Dann kann ich die Haupt- und Nebensymptome abfragen, dann habe ich das auch schon mal abgehakt sozusagen. Und dann sollte ich grundsätzlich nach Schlafstörungen – „wie schlafen Sie?“ – auch zusätzlich noch einmal fragen.
Hyperakusis erfragen und abdiagnostizieren
Orlando Guntinas-Lichius: Ja. Ein Symptom würde ich gerne noch ansprechen, weil da möglicherweise auch eine besondere Diagnostik notwendig ist. Da ist mir nicht ganz klar, was man da wirklich gut machen kann: Hyperakusis. Was ist der Unterschied? Ist das eine Untergruppe der Patienten oder gibt es auch Hyperakusis-Patienten ohne Tinnitus? Wo gehört eigentlich die Hyperakusis hin?
Birgit Mazurek: Also, die Hyperakusis ist etwas Eigenständiges, muss man sagen. Es ist ja die reine Geräuschempfindlichkeit auf normale Geräusche, die wir normalerweise gut ertragen können. So, und viele Tinnitus-Patienten haben auch eine Hyperakusis. Das heißt, wir sollten das abfragen, das ist das Erste. Das fragen wir immer mit ab. Und man muss es im audiologischen Setting dann auch mit abdiagnostizieren: die Unbehaglichkeitsschwelle untersuchen. Das sollte man natürlich nicht beim akuten Tinnitus tun, aber im chronischen Stadium kann man es gut durchführen. Dann sieht man erst einmal, ist das, was der Patient sagt, in Übereinstimmung mit dem, was wir messen? Die Unbehaglichkeitsschwelle brauchen wir dann natürlich auch wieder für die Hörgeräteeinstellung, deshalb ist sie doppelt wichtig. Es gibt auch Patienten, die eine reine Hyperakusis haben, also nicht in Verbindung mit Tinnitus, aber das ist dann schon sehr, sehr selten.
Im Akutfall Cortison, ggf. Alternativen
Orlando Guntinas-Lichius: Ja. Dann lass uns mal etwas genauer auf den Patienten mit akutem Tinnitus eingehen. Jetzt sagen wir mal, wir haben das alles durch und es ist vielleicht ein junger Mensch, wo wir eben keine relevante Komorbidität vorfinden und auch keine Hörstörung. Den behandelt ihr wie? Was sind da deine Empfehlungen?
Birgit Mazurek: Entsprechend dem HODOCORT-Schema dann mit Cortison über fünf Tage. Mit Magenschutz kann man das dann gut durchführen. Eine Alternative wäre natürlich dann – manche Patienten sagen ja, sie möchten kein Cortison, auch das ist ja etwas. Im Zeitalter der digitalen Präsenz sind die Patienten ja häufig sehr gut aufgeklärt – da müssen wir Alternativen anbieten, wie zum Beispiel Betahistin, auch wenn die Evidenzlage dort wesentlich geringer ist.
Counseling von Anfang an – von Ursachen bis Umgangsstrategien
Orlando Guntinas-Lichius: Ja. Was du gar nicht angesprochen hast: Wie sieht es jetzt mit dem sogenannten Counseling aus? Ist das die wichtigste Therapie, oder wie ist der Stellenwert der Beratung?
Birgit Mazurek: Also, das Counseling ist sehr, sehr wichtig, und wir sollten immer damit anfangen. Sowohl beim akuten als auch beim chronischen Ohrgeräusch ist es im Prinzip so, dass wir dort erst einmal den Patienten informieren in einer Erklärung, Erläuterung, wo wir die Ursache vermuten, und damit vermeiden wir im Prinzip negative Krankheitsmodelle. Außerdem schaffen wir damit Habituationsmechanismen. Es ist aber völlig klar: Für ein Counseling brauchen wir eine gewisse Zeit. Wir müssen den Patienten dann Umgangsstrategien darstellen, wir müssen auch Katastrophisierungstendenzen aufdecken und dann auch die Ängste abbauen. Und man sollte auch ganz klar überzogene Heilungserwartungen ansprechen. Zum Beispiel im chronischen Stadium, wenn ein Patient dann sagt: „Ich möchte aber, dass es jetzt medikamentös geheilt wird“, muss man ganz klar sagen, zum jetzigen Zeitpunkt ist das nicht machbar.
Orlando Guntinas-Lichius: Und was ich nicht gefunden habe: Gibt es eigentlich einen Standard, wie ich ein gutes Counseling mache? Man liest dann immer: „Ja, wir haben Counseling gemacht“, oder: „Es wurde ein Tinnitus-Counseling durchgeführt.“ Aber das kann ja quasi ein Satz gewesen sein, oder eben, wie du sagst, tatsächlich eine Stunde in Anspruch genommen haben. Gibt es da Vorgaben, wie eigentlich ein gutes Counseling aussieht?
Birgit Mazurek: Es gibt keine zeitliche Vorgabe dazu. Es gibt aber natürlich auch Bücher, wo das sehr strukturiert und sehr umfangreich besprochen wird. Wir werden jetzt in der überarbeiteten Leitlinie 2027 auch solche Counseling-Abfolgen mit darstellen. Wir haben auch sowas schon mal publiziert, auch das kann man sich anschauen. Ich finde, ein Counseling ist auch immer sehr schön, wenn man über ein Schema mit dem Patienten sprechen kann. Denn es geht ja sehr viel in dem Counseling darum: Ich habe ein Ohrgeräusch, ich fokussiere mich darauf mehr, ich bewerte es negativ, das führt dann zu starken Gefühlsreaktionen. Jetzt empfinde ich das Ohrgeräusch als noch viel bedrohlicher, dann kommt als Nächstes die Alarmreaktion dazu und auch körperliche Symptome wie zum Beispiel Hyperakusis werden mehr. Ich fühle mich noch mehr gestresst, und das führt wieder zu einer Tinnitus-Verstärkung. Und wenn man so ein Schema mit dem Patienten dann durchgeht, dann ist es einfacher, so ein Counseling durchzuführen. Ich glaube, wichtig ist, dass man erst einmal überhaupt in eine Erklärung mit dem Patienten geht, dass man sich mutig genug fühlt, das zu tun. Man fängt dann an und merkt über die Zeit, wie man auch besser wird. Der Patient fragt auch, und dann muss man auf diese Fragen natürlich auch eingehen.
Orlando Guntinas-Lichius: Ja, das haben wir nicht nur bei Tinnituspatienten. Aber vielleicht ist hier schon etwas besonders, auch im Kontext des Counselings: Viele dieser Patienten bezeichnen sich vielleicht als gut informiert, und in den sozialen Medien und im Internet gibt es Informationen zum Tinnitus ja zuhauf. Wie geht ihr damit um?
Birgit Mazurek: Also ein informierter Patient ist ja gut, das ist völlig in Ordnung. Früher haben viele Patienten ihre Akten mitgebracht, jetzt sind sie so aufgeklärt, dass sie sehr viel wissen. Aber sie brauchen in der Regel auch ein Gegenüber, das es einordnen kann. Dass man sagt: „Wissen Sie, bei Ihnen ist der Hörverlust aber noch nicht so sehr stark ausgeprägt, dass Sie ein Hörgerät brauchen. Bei Ihnen würde ich vielleicht mehr Richtung Entspannungsverfahren gehen“ etc. Das ist dann im Gespräch, und das Counseling bietet den Rahmen dafür. Also ich finde, das Counseling ist etwas sehr, sehr Wichtiges. Es ist im chronischen Stadium nicht das Alleinige. Also, wenn wir dann nach leitliniengerechter Therapie vorgehen, wäre es dann die Hörgeräteversorgung, wenn ein Hörverlust dargestellt ist. Beziehungsweise, wenn Komorbiditäten und starke Belastung da sind, dann auch eine Verhaltenstherapie. Und man kann natürlich auch nach Leitlinie die Selbsthilfe immer wieder erwähnen.
Tinnitus-Liga und Stiftung Tinnitus & Hören Charité
Orlando Guntinas-Lichius: Ja. Das heißt, ihr gebt dann direkt auch die entsprechenden Selbsthilfegruppen-Informationen weiter an die Patienten?
Birgit Mazurek: Ja, das ist richtig. Wir haben auch Formulare aushängen über die Tinnitus-Selbsthilfegruppen. Und die Deutsche Tinnitus-Liga hat ja überall in ganz Deutschland diese Gruppen, und die Gruppenleiter sind auch trainiert. Das heißt, das ist für den einen oder anderen Patienten auch ein sehr hilfreiches Tool, dass er dort einen Austausch hat.
Orlando Guntinas-Lichius: Ja, vielleicht machen wir da kurz einen Ausflug hin, bevor wir noch mal ein bisschen systematischer auf die Therapie eingehen. Wie ist deine Zusammenarbeit auch mit der Tinnitus-Liga und was ist das Besondere an eurer Stiftung, kannst du das vielleicht kurz erläutern?
Birgit Mazurek: Also die Tinnitus-Liga ist eine Selbsthilfeorganisation, die dieses Jahr 40 Jahre auf dem Rücken hat, also etwas sehr, sehr Großartiges von Patienten für Patienten. Und die Patienten haben dort einen wissenschaftlichen Beirat, der berät, der zum Beispiel auch neue Therapieverfahren gewichtet. Und ich finde, das ist eine ganz großartige Sache, einschließlich dessen, dass zum Beispiel in Kliniktreffen Klinikleiter geschult werden über aktuelle therapeutische Interventionen oder über Veränderungen in der Diagnostik.
Die Stiftung Tinnitus und Hören der Charité ist etwas anderes. Dort haben wir vor allen Dingen die Öffentlichkeitsvernetzung im Fokus. Das heißt, wir führen Kongresse durch, wie auch unser jährliches Tinnitus-Symposium oder wie jetzt auch die Konferenz im September, die Tinnitus Research Initiative. Es ist vor allen Dingen aber auch so, dass wir Forschung unterstützen und dass wir im Prinzip die Netzwerkebene und die wissenschaftliche Ausrichtung verbessern wollen mit der Stiftung.
Bei Tinnitus schneller zum Hörgerät raten
Orlando Guntinas-Lichius: Okay. Hörgeräte hattest du schon erwähnt. Da würde ich dann vorgehen nach den allgemeinen Richtlinien für eine Hörgeräteverordnung, oder sieht man das bei Tinnituspatienten anders?
Birgit Mazurek: Also erst einmal ja, aber man muss ganz klar sagen: Wir wissen, dass Hörgeräte sehr gut helfen, dass man besser habituieren kann und dass man darüber relativ zeitnah, nach ungefähr sechs Wochen, das Ohrgeräusch in den Hintergrund drängen kann. Demzufolge müssten wir dann auch eher zu Hörgeräten raten. Vielleicht auch – und das ist jetzt vielleicht ein bisschen visionär – wenn wir die Hochtonaudiometrie machen, sehen wir ja den Abfall sehr viel im hochfrequenten Bereich und sollten wahrscheinlich perspektivisch viel, viel eher eine Hörgeräteversorgung anstreben, auch wenn wir es im Sprachaudiogramm noch nicht sehen. Allein unter dem Aspekt, dass wir wissen: Der Hörverlust macht kognitive Veränderungen. Und wir wissen on top, dass Tinnitus diese kognitiven Veränderungen auch nicht verbessert. Das heißt, wir haben dort vermehrte Funktionsreduzierung durch den Hörverlust, auch in Verbindung mit dem Tinnitus.
Orlando Guntinas-Lichius: Hochtonhörtest, das heißt, ihr macht wahrscheinlich dann Hörtests oberhalb von 8 Kilohertz auch, nur noch mal zur Einordnung.
Birgit Mazurek: Ja, bis 16 Kilohertz.
Fallbeispiel depressiver Patient mit Suizidtendenz
Orlando Guntinas-Lichius: Okay. Jetzt sagen wir mal, wir haben jetzt einen Patienten gefunden, der offensichtlich depressiv ist oder vielleicht sogar auch eine suizidale Tendenz zeigt. Wie geht ihr dann vor?
Birgit Mazurek: Dann sollten die Kollegen der Psychiatrie hinzugezogen werden, das ist wichtig. Oder auch die psychosomatischen Kollegen. Und das ist ja von Haus zu Haus unterschiedlich, aber bei Suizidalität ist ganz klar der Psychiater zuständig. Und die Depression muss dann eingestellt werden. Da gibt es auch eine Leitlinie, die ist ja gut überarbeitet, dass man sagt: Die leichte Depression kann man mit einer Verhaltenstherapie begleiten. Bei der mittelgradigen ist eine Verhaltenstherapie relevant, eventuell eine medikamentöse Therapie. Und bei der schweren sollte zu einer medikamentösen Therapie geraten werden. Da hängt es natürlich vom Psychiater ab, welche Vorerfahrungen er mit den Medikamenten hat, aber auch von der Persönlichkeit und von der Belastung des Patienten, wenn er sich vorstellt.
Orlando Guntinas-Lichius: Ja. Das heißt, steht dann die Behandlung der Depression im Vordergrund und ich muss mich gar nicht so sehr um den Tinnitus kümmern? Ich will es ein bisschen provokant formulieren. Oder wie geht das miteinander einher?
Birgit Mazurek: Also der Patient sollte beim HNO-Arzt weiterbehandelt werden, und der Tinnitus muss von HNO-ärztlicher Seite flankiert werden. Und natürlich: Der Psychiater wird sich dann mehr auf die Depression konzentrieren, das heißt medikamentöse Einstellung, Suizidalitätsabfrage. In Zentren arbeiten wir logischerweise interdisziplinär zusammen und können uns dann natürlich den Ball besser von rechts nach links gegenseitig für etwas Gutes für den Patienten zuspielen. In der Praxis muss man sich natürlich als niedergelassener Kollege ein Netzwerk schaffen.
Psychiater oder Psychosomatik?
Orlando Guntinas-Lichius: Ja. Jetzt hast du einen Begriff benutzt, über den haben wir noch gar nicht gesprochen, womit sich leider vielleicht auch viele HNO-Ärztinnen und -Ärzte noch schwertun, obwohl es zu unserem Fachgebiet gehört. Das ist eben die Psychosomatik. Gibt es psychosomatische Faktoren in Bezug auf dieses Krankheitsbild? Du sagst, es kommt auch ein bisschen darauf an, mit wem ich zusammenarbeite. Also gucke ich: Habe ich einen Psychosomatiker, habe ich einen klassischen Psychiater, mit dem ich kooperiere? Wie ist das zu sehen? Ihr habt ja beides, die Charité hat ja sowohl Psychosomatiker als auch Psychiater. Also wie macht ihr das?
Birgit Mazurek: Wir haben beides. Wir sind natürlich mehr mit der Psychosomatik verbunden, aber wir haben auch Patienten, wo wir sagen: Das ist jetzt eindeutig psychiatrische Kompetenz, sodass wir insgesamt in dem Netzwerk der mentalen Erkrankungen hier an der Charité sehr eng zusammenarbeiten. Ich glaube, wenn man dieses jetzt nicht so vorrätig hat, muss man wirklich schauen: Ist vielleicht ein Psychiater in der Nähe oder ein Psychosomatiker? Dass man wirklich kurze Wege hat und sich dann auch mit dem Kollegen besprechen kann?
Biomarker: aktueller Stand, Wunsch und Vision
Orlando Guntinas-Lichius: Okay. Haben wir heute schon im Diagnostik-Repertoire irgendwelche Biomarker? Ich weiß, du beschäftigst dich ja auch wissenschaftlich damit. Gibt es da schon etwas, was ihr immer macht an Markern?
Birgit Mazurek: Also, das ist natürlich die Vision, die dahintersteckt. Wir analysieren sehr stark die BERA-Datensätze, das macht zum Beispiel auch die Klinik in Tübingen. Und da sieht man Unterschiede zwischen Tinnitus und Tinnitus mit Hyperakusis in den Latenzen der Welle 5 und der Welle 3 und auch in den Amplituden, also konkret in der Welle 5 Latenz und in den Amplituden der Welle 3 und 5. Das wäre zum Beispiel ein audiologischer Marker, den wir auch für personalisierte Medizin nutzen könnten. Die Biomarker-Seite: Es gibt noch nicht den Marker. Den haben wir aktuell aber auch nicht bei der Depression. Wir haben bei der Depression inflammatorische Marker, die ein bisschen unterstützen können, aber wir haben noch nicht den Marker. Trotz alledem führen wir hier regelmäßig auch Studien durch, wo wir biologische Marker oder Pathway-Analysen durchführen. Und vielleicht werden wir in drei, vier Jahren das dann mehr unterstützen können, dass wir sagen: Wir können über die Anamnese, über die audiologische Diagnostik und über Blutparameter oder weitere Biomarker – es ist ja nicht nur Blut – dann die Diagnostik, aber auch die Therapie verbessern.
Orlando Guntinas-Lichius: Heute haben wir das noch nicht. Und wie sieht es mit Stressmarkern aus? Helfen die mir, wenn ich sowas messe?
Birgit Mazurek: Aktuell noch nicht. Das ist dann eher das generelle Stresserleben des Patienten. Ich kann das sehr gut auch erst einmal über den Fragebogen mit abbilden. Vielleicht ein Punkt, der sicherlich für die Zukunft sein wird, sind genetische Aspekte. Lange Zeit sagte man ja, Genetik spielt keine Rolle bei Tinnitus. Mittlerweile gibt es Publikationen, wo man weiß: Es gibt genetische Aspekte bei Tinnitus, und vor allen Dingen in den extremst belasteten Phänotypen, also dort, wo ein schwerer Belastungsgrad auftritt. Diese Gene sind vor allen Dingen im Plastizitätsbereich angesiedelt. Aber wir haben aktuell noch nicht ein Panel, wo wir bei jedem Patienten Blut abnehmen und das drüberlaufen lassen. Im nächsten Schritt muss man ja die Frage stellen, wie sieht es denn aus, kann man das vielleicht beeinflussen? Da sind wir beim reinen Hörverlust bei einzelnen Genen jetzt besser unterwegs, mit der Generierung von neuen Hörsinneszellen, aber beim Tinnitus noch nicht so weit.
Beste Evidenzlage für kognitive Verhaltenstherapie
Orlando Guntinas-Lichius: Okay. Darauf gehen wir später noch ein, wenn wir auf Perspektiven in der Therapie zu sprechen kommen, die du am Horizont siehst. In der Leitlinie taucht dann natürlich beim chronischen Tinnitus auch die kognitive Verhaltenstherapie auf. Empfehlt ihr das dann allen Patienten mit chronischem Tinnitus, oder wie entscheidet ihr, wem ihr das empfehlt? Der Zugang ist ja in Deutschland auch nicht so einfach. Es ist ja nicht so, dass ich morgen direkt einen Therapeuten finde. Ich weiß nicht, wie ihr das macht?
Birgit Mazurek: Also, wir machen das natürlich nicht bei jedem Patienten, sondern das Allererste ist: Besteht ein Leidensdruck? Das ist das Allerwichtigste. Also in anderen Worten: Ist der Patient kompensiert oder dekompensiert? Dekompensiert heißt, er hat jetzt Schlafstörungen, Depressionen, Angstsymptomatiken. So, und dann ist der nächste Schritt natürlich, dass ein psychologischer Kollege oder eine Kollegin die Indikation erst einmal prüft, und der Patient muss auch bereit sein. Was die Verhaltenstherapie macht, ist ja, dass wir Muster erkennen und verändern auf kognitiver, emotionaler und verhaltensbezogener Ebene. Wir machen damit nicht das Ohrgeräusch weg und es verändern sich auch nicht die Frequenz und Lautstärke. Trotzdem ist es aktuell nach Leitlinien aus therapeutischer Sicht im Tinnitusbereich die beste Evidenzlage. Das heißt, wenn sich ein Patient darauf einlässt und einen hohen Leidensdruck hat, funktioniert es, dass sich die Lebensqualität verbessert und sich die Tinnitusbelastung reduziert. Das kann man im Einzelgespräch machen, man kann es über einzeltherapeutische Interventionen machen, man kann es auch in Gruppen-Settings durchführen, wie es auch bei euch in Jena durchgeführt wird und auch hier an der Charité. Das ist für viele Patienten sehr, sehr hilfreich. Aber nicht für alle, das muss man ganz klar sagen.
Eine App kann unterstützen, muss aber flankiert werden
Orlando Guntinas-Lichius: Okay, was wir ja mehr und mehr sehen – und sicherlich fragen die Patienten auch danach – sind digitale Angebote. Taugen die etwas?
Birgit Mazurek: Also, die Evidenzlagen dazu sind nur gering und nicht überragend. Trotzdem ist es sicherlich – und du sprachst es an – wenn man jetzt nicht in einem Ballungsgebiet lebt, wie vielleicht in Berlin oder in Köln oder München, natürlich schwieriger, in der Peripherie einen Verhaltenstherapeuten zu bekommen. Das heißt, ich finde, digitale Angebote sind sinnvoll. Man muss sie aber – und das ist mir sehr wichtig – gerade, wenn wir nicht nur ein digitales Counseling machen, sondern mehr eine Verhaltenstherapie, wie ja manche Anbieter das dann auch in die App hineintun, dann sollte es ärztlich begleitet werden. Das wissen wir schon aus der depressionstherapeutischen Richtung: Den Patienten nur die App zu verschreiben und sie dann nie wiedersehen, das funktioniert nicht und es kann auch gefährlich werden.
Orlando Guntinas-Lichius: Die Apps – es gibt ja inzwischen mehrere dazu, und viele Tinnituspatienten kommen ja auch schon damit und haben eine App, unabhängig jetzt von der kognitiven Komponente, die haben ja auch eine Menge andere Sachen – ist das eine gute Entwicklung insgesamt, oder wie siehst du das?
Birgit Mazurek: Also, es ist insgesamt eine gute Entwicklung, logischerweise, weil es unterstützt. Die Patienten sind besser informiert, sie können auch Übungen angeleitet bekommen und wieder durchführen. Aber wir haben dort auch keine Gruppeneffekte, das muss man ganz klar sagen; sie machen es ja mit sich alleine und ihrer App. Es ist nicht für jeden Patienten etwas. Also die schwerstbelasteten, hoch-depressiven Patienten werden es in der Regel kaum schaffen und brechen dann ab, oder es werden die Komorbiditäten nicht gezielt abgefragt. Dann wird es gefährlich, wenn eine Suizidalität besteht und gar nicht gesehen worden ist. Deshalb ist es so wichtig, dass es flankiert werden muss ärztlicherseits. Es sind auch nicht alle Patienten gleich technikaffin, und das hat nichts mit dem Alter zu tun, aber für manche ist es das nicht. Manche möchten lieber eine Interaktion mit einem Menschen haben. Es wird auch bei der Weiterentwicklung in der Medizin immer so sein, dass wir vielleicht etwas auslagern können in den digitalen Bereich. Trotzdem ist gerade aus psychosomatischer Sicht und auch aus psychologischer Sicht die 1:1-Interaktion sehr wichtig für viele, viele Patienten.
Noiser und viele andere Verfahren: keine Evidenz, die wirklich dafür spricht
Orlando Guntinas-Lichius: Jetzt haben wir über etwas ganz Modernes geredet. Lass uns noch mal zu etwas Altmodischem zurückkommen. Welche Rolle spielen denn heute noch Noiser? Also die gibt es doch noch, oder? Die kann man noch verschreiben?
Birgit Mazurek: Die gibt es noch, aber sie haben keine Evidenz. Das heißt, da bin ich ganz klar bei den Leitlinien. Nun haben wir die Leitlinie auch federführend für die HNO-Gesellschaft vorangetrieben: Wenn keine Evidenz vorliegt, sollten wir es auch nicht raten. Und wir haben das in der letzten Leitlinie schon so strukturiert, dass es auch eine Patientenleitlinie gibt, die man den Patienten mitgeben kann, wo ganz klar gesagt wird: Was macht aus heutiger Sicht, aus Evidenzsicht, Sinn und was nicht? Da spielen die Noiser keine Rolle. Und es gibt auch für viele andere Verfahren – also repetitive Magnetstimulation, Neurostimulation, bimodale Stimulation – zurzeit keine Evidenzlage.
Orlando Guntinas-Lichius: Kannst du das vielleicht noch einmal kurz erklären, also die Begriffe noch ein bisschen genauer in Bezug auf Tinnitus? Was ist die Idee bei Neuromodulation oder bimodaler Stimulation? Was ist da eigentlich die Idee dahinter?
Birgit Mazurek: Die Ideen sind eigentlich immer, dass man in dem zentralen Muster etwas verändern kann. Wir haben aber zwei Problematiken. Einmal, dass die Studienlage wirklich heterogen ist, das ist das eine. Und dass dann die Ergebnisse häufig nicht so gut sind, dass man sagen kann, es macht wirklich Sinn. Es gibt natürlich auch Side Effects, die muss man auch immer berücksichtigen. Und wir überarbeiten jetzt gerade noch mal die Leitlinie, wie gesagt, im ersten Quartal 2027 haben wir die dann hoffentlich fertig. Und da hilft bei diesen Literaturrecherchen dann auch das IQWiG. Das ist ein Institut, was die Literatur noch mal unabhängig bewertet, also nicht nur durch Wissenschaftler oder Kliniker. Und am Ende steht unter dem Strich: Gibt es Evidenz, ja oder nein? Und nur das sollten wir dann raten.
Orlando Guntinas-Lichius: Ja, okay. Ich glaube, es wird auch nicht von den Kassen bezahlt, es ist keine Kassenleistung? Wohingegen die kognitive Verhaltenstherapie, wenn sie entsprechend initiiert wird, eine klare Kassenleistung wäre, eben auch aufgrund der guten Evidenzlage, so wie es ja auch jetzt schon in der Leitlinie abgebildet ist.
Birgit Mazurek: Das ist völlig richtig. Und ich glaube, das ist noch mal wichtig – deshalb das Counseling noch mal zurückführend – es ist wichtig, dass wir dort auch überzogene Heilungserwartungen wirklich klar mit dem Patienten… klarmachen, was geht und was geht nicht. Und deshalb ist die Leitlinie so wichtig. Natürlich kaufen viele Patienten dann zusätzliche therapeutische Sachen. Aber wenn sie keine Evidenzlage haben, dann sollte man auch sagen: „Nein, das macht keinen Sinn.“ Ich glaube, so ehrlich müssen wir sein, und dafür ist auch das Counseling wichtig.
Orlando Guntinas-Lichius: Und ich weiß nicht, dadurch, dass sich ja auch der Markt bei den ganzen Dingen, die man sich heute in die Ohren stecken kann, ja ständig verändert – also auch in Bezug auf Hörgeräte. Da kommen ja auch einige Patienten, die da mit Produkten kommen. Das heißt, da haben wir auch keine Evidenz, weil das ja eigentlich auch alles in diese Richtung Noiser geht, nicht wahr? Und wenn ich es jetzt richtig verstanden habe – vielleicht kannst du das noch mal erklären – das alte Konzept hinter den Noisern war ja, dass man sozusagen den Tinnitus damit verdeckt, also nicht mehr hörbar macht. Und in den Konzepten, die du jetzt angesprochen hast, geht es ja mehr darum, dass ich lerne, mit dem Geräusch umzugehen, korrekt?
Den Tinnitus in den Hintergrund drängen, ein Hörgerät als Tool
Birgit Mazurek: Genau. Also nach Leitlinien ist es so, dass wir sagen: In chronischen Stadien müssen wir Umgangsstrategien erlernen, dass wir ihn darüber anders bewerten und mehr in den Hintergrund drängen. Das können wir zusätzlich on top mit dem Hörgerät machen. Das ist im Prinzip, wenn man sagt, ich brauche aber irgendwie ein Tool, das Beste, was wir aktuell haben. Und die Noiser und auch die Retraining-Therapie, die ja häufig in Verbindung mit den Noisern damals geraten worden ist, da zeigt die Datenlage nicht, dass wir das aktuell raten sollten. Natürlich kommen manchmal Patienten, die sagen: „Ich nutze jetzt aber meinen Noiser seit 15 Jahren.“ Dann müssen wir denen das nicht wegnehmen, das ist klar. Aber, man muss jetzt auch sagen, wenn ein Neupatient kommt: Das macht keinen Sinn. Und dazu müssen wir uns auch klar äußern können.
Orlando Guntinas-Lichius: Jetzt seid ihr ja mit eurer Therapie – du hast ja auch die Therapie in Zentren angesprochen – die ist ja auch sehr erfolgreich für viele Patienten. Aber es gibt auch therapierefraktäre Patienten, nenne ich es jetzt mal, also welche, die nicht darauf ansprechen, also die schwierigen Fälle. Gibt es da noch etwas, wenn sie weiterhin stark dekompensiert bleiben?
Birgit Mazurek: Ja, also da wäre dann eine 1:1-psychotherapeutische Begleitung sinnvoll, zum Beispiel. Aber das bedingt auch immer, dass der Patient sich auf diesen Weg macht. Es gibt ja viele Patienten, die dann immer noch sagen: „Ja, aber ich möchte eine Heilung haben, ich möchte die Pille haben und das Verfahren.“ Und da muss dann auch eine Bewegung vom Patienten einsetzen, dass er sich diesem neuen Weg stellt. Und dann erreichen wir auch bei diesen Patienten, dass sie besser damit zurechtkommen. Es ist nur manchmal dann ein sehr langer Weg, wie bei vielen chronischen Erkrankungen.
Was bringt die Zukunft?
Orlando Guntinas-Lichius: Dann lass uns mal einen Blick in die Zukunft werfen. Du hattest da ein, zwei Sätze schon gesagt. Was ist denn zu erwarten in den nächsten Jahren, was wird sich vielleicht tun?
Birgit Mazurek: Also, die Omics-Datensätze sind sehr, sehr relevant für alle chronischen Erkrankungen. Genetische Marker werden eine Relevanz bekommen. Wenn ich sage, was sind wichtige Fragestellungen für die Zukunft, dann ist es natürlich noch nicht klar, warum ein akutes Ohrgeräusch manchmal überhaupt nicht relevant wird, und bei den anderen wird es chronisch und zu einer so großen Belastung. Also diese Schnittstelle wird man sicherlich im Fokus haben. Und was aus meiner Sicht sehr spannend ist, ist, wenn wir noch ein bisschen globaler denken, grundsätzlich bei chronischen Erkrankungen, also zum Beispiel Schmerz, Depression, Tinnitus: Was sind denn überlappende Faktoren? Also, wo ist vielleicht ein initialer Weg, den Patienten zusammen gehen, und ab wann differenziert sich das? Das sind natürlich immer biologische Fragestellungen, die dahinterstehen. Und wenn wir dieses erkennen oder besser verstehen, dann haben wir auch eine Rezeptorebene oder eine andere biochemische Ebene, die wir dann vielleicht beeinflussen können.
Orlando Guntinas-Lichius: Und weil das Zentrale ja in allen möglichen Theorien so eine große Rolle spielt und auch die Netzwerke: Ist dann auf der Bildgebungsebene irgendetwas zu erwarten? Da haben wir schon lange drauf gewartet. Wir haben natürlich bei vielen anderen Erkrankungen des Nervensystems diese Erwartung gehabt. Ist da etwas zu erwarten oder spielt das im Moment keine Rolle? Wir haben über das ganz klassische MRT und Angio-MRT gesprochen, aber irgendeine Form von Netzwerkuntersuchung – spielt die eine Rolle oder wird die eine Rolle spielen?
Birgit Mazurek: Also, ich denke, das wird eine Rolle spielen. Ich war neulich bei einer neurochirurgischen Konferenz, und da sind die Neurochirurgen schon sehr fancy unterwegs und können sich Netzwerke viel besser darstellen. Sie müssen ja auch wissen, wo operiere ich hinein und was lasse ich vielleicht bestehen? Wenn ich das mal weiterspinnen würde, dann wäre es natürlich sinnvoll, das auch bei Tinnitus zu haben, solche Netzwerkanalysen. Wir wissen ja, das limbische System ist natürlich groß, aber aus diesen ganzen funktionellen MRT-Untersuchungen und auch aus den PET-Untersuchungen wissen wir, dass zwar die dekompensierten Areale in manchen Strukturen immer hochreguliert werden, aber es doch sehr individuell ist, was zusätzlich hochreguliert wird. Und wenn wir das natürlich hätten, dann haben wir auch auf der Bildgebungsebene etwas, wo man sagt: „Okay, wir müssen dann vielleicht gezielter hier die Amygdala oder hier den präfrontalen Kortex stimulieren.“ Und das wäre ein toller Ansatz für die Zukunft, on top mit den biologischen Biomarkern gesehen.
Weiterbetreuung behandelter Tinnituspatienten
Orlando Guntinas-Lichius: Ich möchte noch eine banale Frage stellen für den Alltag. Jetzt sage ich mal, wir haben einen Patienten, der vielleicht auch einen dekompensierten chronischen Tinnitus hatte, und wir haben den jetzt auch behandelt und er ist kompensiert. Wie muss ich den dann weiter betreuen? Muss ich den ein Leben lang betreuen?
Birgit Mazurek: Wenn der Patient gut zurechtkommt, kann man ihn so führen, dass man sagt: „Sie können sich gerne vorstellen, wenn sich irgendetwas verändert, wenn irgendetwas Sie beunruhigt.“ Man kann ihn sich auch vorstellen lassen, wenn man ab einem gewissen Alter Richtung Altersschwerhörigkeit eher den Eindruck hat, dass wir da jetzt doch Veränderungen sehen. Aber natürlich, ein Tinnituspatient, der gut zurechtkommt, muss nicht ständig gesehen werden. Ja, es gibt aber viele Patienten, die diese Verbindung brauchen, weil sie zwar schon gut leben können, aber noch nicht ganz. Also sie brauchen die Rückversicherung noch, sie brauchen auch immer wieder noch mal das Anstoßen: „Jetzt machen Sie bitte Ihre Entspannungsübungen, jetzt tragen Sie bitte die Hörgeräte.“ Da macht es Sinn, die Patienten zu begleiten. Aber wie immer sollte man irgendwann auch dieses Band ein bisschen lösen und es in einen optionalen Modus umwandeln. Das heißt, der Patient kommt dann vielleicht nach ein, zwei Jahren noch mal zurück und man kann dann eine Verlaufskontrolle vornehmen.
Orlando Guntinas-Lichius: Vielleicht zum Schluss: Möchtest du vielleicht noch drei wichtige Informationen noch einmal zusammenfassen, was dir am wichtigsten ist? Was wäre dir am wichtigsten, wenn du es in drei Punkten zusammenfasst?
Zuhören und ernstnehmen, gutes Counseling, gute Diagnostik
Birgit Mazurek: Also, dass wir dem Patienten zuhören, dass wir ihn ernstnehmen. Und dann ein erstes Counseling anstreben und dass wir eine gute HNO-ärztliche Diagnostik vornehmen. Das wäre mir am wichtigsten.
Orlando Guntinas-Lichius: Ja, ich denke, das sehen unsere Hörerinnen und Hörer auch so. Liebe Birgit, vielen Dank! Ich habe mich sehr gefreut, ich habe wieder eine Menge gelernt – und dass ich mich mit dir über Tinnitus unterhalten konnte. Und Sie, liebe Hörerinnen, liebe Zuhörer, wie immer: Wir freuen uns über Lob und wir freuen uns auch über Tadel. Wir wollen ja besser werden. Und schicken Sie uns gerne auch Vorschläge für Themen, die wir hier im Podcast behandeln sollen. Und zum Schluss bleibt mir wie immer nur zu sagen: HNO ist einfach ein superspannendes Fachgebiet! Und Sie, liebe Zuhörerinnen, liebe Zuhörer, schenken Sie uns bitte auch in Zukunft Ihr Ohr, Ihr Orlando Guntinas-Lichius.
Hilfreiche Informationen:
Leitlinien:
AWMF (2021) S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus. Registernr. 017-064. In Überarbeitung.
AWMF (2022) S3-Leitlinie Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression. Registernr. Nvl-005. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/nvl-005.
Manuale und Fragebögen:
Hesse G & Schaaf Helmut (2012) Manual der Hörtherapie. Schwerhörigkeit, Tinnitus und Hyperakusis. Print ISBN 9783131639219, Online ISBN 9783131828910. DOI: 10.1055/b-002-37764. https://www.thieme-connect.de/products/ebooks/book/10.1055/b-002-37764.
Kleinjung T, Fischer B, Langguth B et al. (2007) Validierung einer deutschsprachigen Version des Tinnitus Handicap Inventory. Psychiat Prax 34 (Supp 1) S140–142. https://www.researchgate.net/profile/Tobias-Kleinjung/publication/247468081_Validierung_einer_deutschsprachigen_Version_des_Tinnitus_Handicap_Inventory/links/0c960521600eb5c30b000000/Validierung-einer-deutschsprachigen-Version-des-Tinnitus-Handicap-Inventory.pdf.
Tinnitus Functional Index (TFI) (engl.) unter: https://www.ncrar.research.va.gov/Documents/TFI.pdf.
Fliege H, Rose M, Arck P et al. (2009) PSQ. Perceived Stress Questionnaire [Verfahrensdokumentation, PSQ20-Skalenberechnung, PSQ20-Fragebogen Englisch, Deutsch, Deutsch (letzte 2 Jahre), PSQ30-Skalenberechnung, PSQ30-Fragebogen Englisch, Französisch, Deutsch, Italienisch und Spanisch]. In: Leibniz-Institut für Psychologie (ZPID) (Hrsg.) Open Test Archive, Trier. http://dx.doi.org/10.23668/psycharchives.12937.
Herrmann-Lingen C, Ullrich Buss U & Snaith RP (2018) Deutschsprachige Adaptation der Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS) von R. P. Snaith und A. S. Zigmond. 4. aktualisierte und neu normierte Auflage. https://www.testzentrale.de/shop/hospital-anxiety-and-depression-scale-deutsche-version-69320.html.
Wichtige Webseiten:
Stiftung Tinnitus & Hören Charité. Forschen. Aufklären. Lindern. https://stiftung-tinnitus-und-hoeren-charite.org/
Deutsche Tinnitus Liga e. V. (DTL) Hilfe zur Selbsthilfe – von Betroffenen für Betroffene. https://www.tinnitus-liga.de/
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