#1 Riechstörungen
Gast: Professor Dr. Thomas Hummel
Orlando Guntinas-Lichius: Heute zu Gast: Professor Dr. Thomas Hummel.
Orlando Guntinas-Lichius …
… ist Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde und immer wieder aufs Neue begeistert von der Vielfalt des Fachgebiets. Er ist Direktor der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie am Universitätsklinikum in Jena.
Orlando Guntinas-Lichius: Ja, hallo, Herr Professor Hummel, es freut mich sehr, dass Sie heute hier bei unserem HNO-Podcast zu Gast sind. Tatsächlich ist das die allererste Aufnahme, also eine Premiere auch für mich. Ich bin mal gespannt, wie es laufen wird, und natürlich habe ich mir extra einen Profi eingeladen fürs erste Gespräch, der wahrscheinlich sehr sattelfest in dem Thema ist. Ich glaube nicht, dass ich Sie irgendwo aus der Reserve locke. Und natürlich ist das für die Zuhörerinnen und Zuhörer auch ganz wichtig, weil es ein hochbrisantes Thema ist, wie wir hoffentlich gleich besprechen werden – und hochaktuell. Doch ich würde Sie gern einmal kurz vorstellen, für diejenigen, die Sie noch nicht kennen:
Prof. Dr. Thomas Hummel studierte Humanmedizin an der Universität Erlangen-Nürnberg, er promovierte 1987 und erlangte die Approbation an der Medizinischen Fakultät dort. Einige Jahre nach seiner Habilitation im Fach Pharmakologie und Toxikologie wechselte er von Erlangen-Nürnberg nach Dresden an die Technische Universität, und dort ist er auch bis heute beschäftigt. Er leitet den Arbeitsbereich „Riechen und Schmecken“ in der HNO-Klinik und das Interdisziplinäre Zentrum „Riechen und Schmecken“, darauf kommen wir dann später auch noch mal zurück. Wie kommt man zum Riechen, Herr Hummel, wie sind Sie dazu gekommen? Das ist ja schon auch heute noch in unserem Fach vielleicht ein bisschen was Exotisches.
Thomas Hummel: Erstmal vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich sehr, dass wir heute hier sprechen können, und für die lobenden Worte. Wie komme ich zum Riechen? Ich glaube, das ist eher Zufall, so wie vieles im Leben Zufall ist. Man muss einfach die richtigen Leute treffen oder die Leute, mit denen man gerne arbeitet, die man interessant findet. Ich komme eigentlich zum Riechen über den Schmerz. Also, als Student hat mich Schmerz in der Nase interessiert, und in der Nase kann man, wie HNO-Ärzte wissen, sehr gut Schmerzen auslösen. Die Nase ist sehr schmerzempfindlich. Wir hatten damals und auch heute noch ein Schmerzmodell mit Kohlendioxid. Wenn Sie Kohlendioxid in die Nase geben, kann man damit sehr gut Schmerzen auslösen. Zum Beispiel erfährt man das beim Trinken von Mineralwasser, wenn man sich dabei verschluckt und das Mineralwasser aus der Nase kommt. Tut weh in der Nase, bitzelt unangenehm, und das ist der Schmerz von CO2. Damit war ich bei meinen Arbeiten schon in der Nase. Der Weg zum Riechen war nicht weit, und dann hat sich das Riechen im Laufe der Zeit immer weiterentwickelt, und ich fand es immer interessanter. Das Besondere beim Riechen ist zum einen, wie Sie auch schon gesagt haben, es ist ja exotisch. Es kümmern sich nicht so viele Leute ums Riechen – nominell schon, praktisch aber dann doch nicht so ganz viele. Viele Leute haben professionell Kontakt mit dem Riechen, aber es fällt dann doch eher hinten runter aus verschiedenen Gründen. Aber zum Riechen muss man auch eine gewisse Leidenschaft entwickeln, die offenbar bei mir dann eingetreten ist und bis heute andauert.
Orlando Guntinas-Lichius: Ja, das ist auch gut so, denn Sie sind ein wichtiger Vertreter für dieses Thema, nicht nur in Deutschland, sondern haben das Thema, denke ich, auch weltweit bekannter gemacht. In dem Zusammenhang müssen wir natürlich auch über COVID sprechen. War COVID gut für die Riechforschung? Ist das sozusagen ein „Glückstreffer“ in Anführungsstrichen gewesen, dass jetzt einfach mehr Aufmerksamkeit da ist und vielleicht auch mehr Forschungsgelder in diese Richtung geflossen sind?
Riechen im Fokus seit der Pandemie
Thomas Hummel: In gewisser Weise schon. Es klingt ironisch, aber da haben sich natürlich zu dem Zeitpunkt ganz viele Leute fürs Riechen interessiert, weil es eines der Hauptsymptome der lebensbedrohlichen Krankheit COVID-19 ist, und das sieht man eigentlich erst in den letzten zwei Jahren. Da gab es eine Reihe von guten Arbeiten zu Molekularmechanismen bei Infektionen in der Riechschleimhaut, nicht ganz viele, aber so ein paar mehr Arbeiten als früher. Es gab auch deutlich mehr Forschungsgelder für das Ganze. Insofern war, genau wie Sie auch sagten, Corona gewissermaßen ein Glücksfall. Aber wenn man sich die Menge an Forschungsarbeiten überlegt, die da auf den Markt kam, dann war ganz viel von dem auch redundant. Also, die Anzahl von Arbeiten, die sich damit beschäftigt haben, dass COVID-19 zu einem Riechverlust führt, die war enorm. Quasi ganz viel repetitiv produziert, was auch nicht schlecht ist und auch schon Spuren hinterlassen hat. Aber, dass sich heute eben, genauso wie Sie sagten, mehr Leute für das Riechen interessieren und auch gemerkt haben, Riechen ist ein wichtiger Parameter, den man zum Beispiel bei anderen Krankheiten auch sinnvollerweise untersucht und sich dafür interessiert.
Ursachen: Altwerden, chronische Sinusitis, postvirale Riechstörung
Orlando Guntinas-Lichius: Es ist schon so, sonst korrigieren Sie mich, dass ja, auch wenn COVID nicht gekommen wäre, die viralen Riechstörungen die häufigsten Riechstörungen sind, mit denen wir es im Alltag zu tun haben.
Thomas Hummel: Ja, da bin ich mir nicht sicher. Also das Häufigste ist das Alter.
Orlando Guntinas-Lichius: Okay.
Thomas Hummel: Also Altwerden, das überschattet alles. Es geht so mit 40 los, vielleicht sogar schon mit 20, aber offiziell mit 40 bis 45, dass das Riechvermögen nachlässt. Wenn Sie Leute nehmen, die älter sind als 80, dann kann davon ein Drittel oder sogar 50 %, je nachdem, wie Sie es angucken, quasi nicht riechen. Das sind schon gigantische Ausmaße, die der altersbedingte Riechverlust hat. Und dann ist, von den alten Umfragen her – und ich glaube, so viel hat sich gar nicht geändert – eigentlich die chronische Sinusitis die zweithäufigste Ursache für Riechverlust, und dann kommen die postviralen Riechstörungen. Es ist immer schwierig, dass man jetzt genaue Zahlen dafür gewinnt. In der Öffentlichkeit steht natürlich Corona im Vordergrund oder postvirale Riechstörungen, die auch stark betont werden, weil es dort Programme gibt, auch von der Bundesregierung, dass man sich um COVID kümmern muss in ganz spezieller Form. Die chronische Sinusitis, das wissen Sie besser als ich, ist ja auch eine Volkskrankheit: 5 % oder 10 % der Bevölkerung haben die chronische Sinusitis, je nachdem, wo Sie hingehen. Zwei Drittel der Patienten mit einer chronischen Sinusitis haben auch einen Riechverlust, der beträchtlich ist. Also schon die Sinusitis ist eigentlich mit das Häufigste und steht nach dem Alter an zweiter Stelle.
Orlando Guntinas-Lichius: Aber das mit dem Alter ist ja sehr wichtig, das hatte ich gar nicht so vor Augen. Denn das bedeutet ja auf der anderen Seite auch, wenn Patienten zu mir in die Sprechstunde kommen und ein gewisses Alter haben, dann kann es auch sein, dass ich gar keine andere Ursache finde und dass es einfach, also wie eine Altersschwerhörigkeit, am Alter liegt.
Thomas Hummel: Genau, das ist oft die Schwierigkeit, dass man es unterscheidet von einer echten Pathologie und dass man sagt, das ist jetzt altersbedingt, was ja auch eine Pathologie ist in gewisser Weise.
Regeneration des Riechens: Riechzellen und zentralnervöse Ebene
Orlando Guntinas-Lichius: In Bezug auf die Rhinosinusitis hat sich auch eine Menge getan, und möglicherweise hat das auch der Riechforschung oder, sagen wir mal so, der Auseinandersetzung mit Riechtests gutgetan. Denn mit Aufkommen der Biologika ist das ja inzwischen auch ein wichtiges Kriterium geworden. Also es ist so: Wenn wir Patienten haben, die unter Biologika-Therapie sind, dann ist ein Kriterium, ob diese Behandlung erfolgreich war, ob zum Beispiel der Riechverlust zurückgegangen ist. Von daher, ich merke es nur hier auch bei uns, dass man sich mehr mit dem Thema Riechen beschäftigt, weil einfach mehr Biologika-Patienten da sind. Ich denke, das ist relevant. Was vielleicht in Bezug auf die viralen Riechstörungen für mich noch mal interessant ist, wo ich es immer so ein bisschen paradox sehe, aber vielleicht können Sie das auflösen: Wir sprechen auf der einen Seite ja immer davon, dass wir es beim Riechepithel mit einem besonderen Epithel zu tun haben, das ja eigentlich eine sehr hohe Regenerationsfähigkeit hat. Auf der anderen Seite sehen wir eben aber, dass – vielleicht ist der Anteil auch klein, das müssen Sie mir noch mal erläutern – die Patienten dennoch einen bleibenden Riechverlust erleiden. Können Sie das ein bisschen auflösen, wie das zusammenpasst?
Thomas Hummel: Zum einen ist ja die Besonderheit der Riechschleimhaut, dass sich die olfaktorischen Rezeptorneurone aus den Basalzellen, aus den globosen Basalzellen – nicht den horizontalen, sondern typischerweise aus den globosen Basalzellen – erneuern. Und diese globosen Basalzellen, die bilden Stützzellen und bilden auch die Schleimzellen und andere Zelltypen mehr. Das ist etwas Besonderes, weil es quasi der einzige Ort im menschlichen Körper ist, wo sich alle Welt einig ist, dass dort Neuroregeneration stattfindet. Und eleganterweise hat man ja auch Zugang zu diesen Neuronen in der Riechschleimhaut, was man auch gut benutzen kann für experimentelle oder für diagnostische Zwecke. Diese Regeneration ist beim Menschen nicht so gut beschrieben. Bei Nagetieren, bei Ratten und Mäusen, sehr gut. Da erneuert sie sich etwa alle 2–4 Wochen. Die Regeneration beim Menschen ist wahrscheinlich länger. Es gibt nur indirekte Daten dazu. Es sind so 2–4 Monate, dass sich die Riechschleimhaut erneuert, aber das ist schon an sich sensationell. Die Frage, die Sie gestellt hatten: Weshalb regenerieren sich da nicht alle Leute, weshalb kommt es funktionsmäßig nicht bei allen Leuten zu einer kompletten Erholung?
Orlando Guntinas-Lichius: Ja.
Thomas Hummel: Dazu gibt es auch nur Annahmen und Hypothesen. Es ist nicht so, dass die Leute überhaupt keine Riechzellen mehr haben, das ist wahrscheinlich nicht der Grund. Wir hatten eine Arbeit durchgeführt bei über 40 Schleimhäuten von Verstorbenen, die im Alter zwischen 30 und 80 waren, als Schwerpunkt so eher höheres Lebensalter, und mit anzunehmender Wahrscheinlichkeit haben von denen ein Drittel nicht mehr riechen können. Trotzdem hatten wir in allen Proben große Mengen an Riechzellen gefunden. Also es ist nicht so, wenn Leute wahrscheinlich nicht mehr riechen können, auch altersbedingt, dass dann alle Riechzellen nicht mehr da sind, sondern Riechzellen sind in großer Menge vorhanden. Da bietet sich dann als Möglichkeit an, dass man sagt, die Läsion oder das Defizit ist eher auf zentralnervöser Ebene. Der Bulbus olfactorius wird auch altersabhängig kleiner und wahrscheinlich in seiner Funktion auch schwächer, das Gehirn wird strukturell verändert. Und da kann man sich gut vorstellen, dass es hier bestimmte Bereiche gibt, in denen eigentlich ein Input-Signal da ist von der Riechschleimhaut her, dass Riechzellen aktiviert werden, ihr Signal zum Bulbus olfactorius bringen, aber dann nicht mehr suffizient aufgearbeitet werden können und im ZNS nicht mehr suffizient durchdringen, um ein olfaktorisches Perzept, also den Geruch von Vanille, zu erzeugen.
Orlando Guntinas-Lichius: Ja, das verstehe ich.
Thomas Hummel: Als Zweites… Es gibt viele Möglichkeiten, aber eine andere Idee ist auch die, dass Menschen mit verschiedenen Mengen an Riechzellen geboren werden. Man sieht es so ein bisserl am Riechkolben, am Bulbus olfactorius, von der Größe her, dass die auch stark variiert. Wenn man davon ausgeht, auch dafür gibt es Daten, dass die Größe des Bulbus olfactorius mit der Menge an Riechzellen korreliert, dann kann man sehen – wir haben ein paar Beispiele von Leuten, die unmittelbar vor einem Corona-Infekt ein MRT aus einem anderen Grund hatten, Verdacht auf MS oder so etwas – und da sehen wir schon auch bei diesen paar Beispielen, dass sie schon vor dem Infekt einen kleinen Bulbus olfactorius hatten. Das waren junge Leute im Alter so zwischen 35 und 45. Da ist dann die Annahme, dass Leute mit einem kleinen Bulbus olfactorius und anzunehmenderweise wenig Riechzellen auch anfälliger werden für einen infektbedingten Riechverlust und sich entsprechend schlechter regenerieren, weil einfach von Haus aus weniger Riechzellen vorhanden sind.
Trotz guter prädiktiver Werte: Riechtests kaum diagnostisch eingesetzt
Orlando Guntinas-Lichius: Ja, lassen Sie uns über die Rolle des Bulbus und auch des MRTs später noch mal ein bisschen sprechen, wenn wir zur Diagnostik kommen. Was mich bei den Ursachen noch umtreibt, ist: Wir hatten einen Hype vor einigen Jahren um die Bedeutung des Riechens, auch möglicherweise als diagnostischen Test zur Früherkennung von neurodegenerativen Erkrankungen. Im Alltag ist meines Erachtens noch nicht so viel davon angekommen. Woran liegt das? Also, es hieß ja, klar, bei Demenzerkrankungen würde das eben ein Frühsymptom sein, und es war zu erwarten, oder vielleicht war das auch eine Erwartung, die die HNO-Ärzte hatten, dass die HNO-Ärzte jetzt viel wichtiger werden, auch im Erkennen dieser Erkrankungen. Warum sehen wir das noch nicht im klinischen Alltag?
Thomas Hummel: Das finde ich auch tatsächlich eigenartig. Es gibt Studien, die zeigen, dass ein Riechtest genauso effizient ist wie eine PET-Untersuchung, was ja Multiples teurer ist. Und trotzdem setzen sich die Riechtests in der Praxis nicht wirklich durch, also zumindest bundesweit gesehen oder weltweit gesehen. Von uns lokal in Dresden kann ich berichten: Hier gibt es in der Neurologie, in der Uniklinik tatsächlich ein Zimmer, in dem Riechtests durchgeführt werden. Das gab es früher nicht, und etliche neurologische Kollegen schicken auch ihre Patienten zu uns zur Differenzialdiagnose. Wenn es zum Beispiel darum geht, essenzieller Tremor oder Parkinson, da gehört es bei vielen neurologischen Kollegen, zumindest in Dresden, mit zur Routine, auch einen Riechtest mit durchzuführen. Also ein Teil davon ist schon angekommen, aber nicht in dieser Breite und nicht in dieser Größe, wie man es eigentlich erwarten könnte, einfach mit dem Vorhersagewert von Riechverlust bei Parkinson. Auch der negative prädiktive Wert, der hier ganz besonders wichtig ist: Wenn Leute kommen mit Zeichen für einen Parkinson, die aber normal riechen können, dann ist die Diagnose idiopathisches Parkinson-Syndrom deutlich weniger wahrscheinlich. Also, es schließt es nicht komplett aus, aber es wird deutlich weniger wahrscheinlich.
Orlando Guntinas-Lichius: Ja, das ist natürlich noch mal wichtig im Kontext mit den älteren Patienten, die wir schon besprochen haben. Die Frage stellt sich jetzt auch im Alltag: Kommt ein älterer Patient zur Tür herein, und der hat eine Riechstörung. Dann ist immer die Frage, muss er jetzt auch zum Neurologen und im Hinblick auf eine neurodegenerative Erkrankung abgeklärt werden? Also auch andersherum: Welche Rolle haben wir dann in dem Kontext, welche von diesen Patienten müssen wir jetzt auch dem Neurologen vorstellen?
Thomas Hummel: Also, ich denke, wenn wir alle Leute, die aus Altersgründen einen Riechverlust haben, in der Neurologie vorstellen würden, ich glaube, die Neurologen würden sich bedanken, das wären zu viele. Was wir in solchen Fällen tun, wenn in der Anamnese entsprechende Veränderungen da sind: Zum Beispiel war diese Woche Montag eine Patientin bei mir, relativ junge Frau, 42, meine ich, so in dem Alter. Sie hatte seit ungefähr drei Jahren einen unerklärten Riechverlust, also kein Infekt, kein Trauma, keine Sinusitis, und sie hat mir erzählt, dass ihr Vater letztes Jahr auch mit Parkinson diagnostiziert worden wäre. Da sie das erwähnt hat, kamen wir auf das Thema zu sprechen, und da würde es sich dann schon empfehlen, dass man das beobachtet und dass man sie vielleicht unter Umständen auch beim Neurologen vorstellt. Also wenn Zusatzfaktoren mit dabei sind, die das wahrscheinlicher machen, dass tatsächlich ein Parkinson dahinterstehen könnte, dann würden wir das auch tun, und ansonsten würden wir es eben weiter beobachten.
Wann MRT?
Orlando Guntinas-Lichius: Das heißt, im Rahmen der Erstdiagnostik gehört nicht zwingend auch ein MRT dazu, oder doch? Oder in welchen Fällen sehen Sie ein MRT indiziert?
Thomas Hummel: Das ist eine schwierige Frage. Es ist ja auch relativ teuer, das ganze Verfahren. Wir tun das standardmäßig bei idiopathischem, bei unerklärtem Riechverlust, da gehört es eigentlich bei uns mit dazu, aber auch nicht bei allen Patienten, muss ich auch sagen, weil es bestimmte Ausnahmen gibt. Wenn Leute sehr alt sind, dann kann man auch in Absprache mit dem Patienten schon mal auf die Zusatzdiagnostik verzichten. Bei chronischer Sinusitis, auch da würden wir kein MRT anfordern, oder bei postviraler Riechstörung, wenn der Zusammenhang zum Infekt sehr klar ist. Auch da denke ich, ist eine Bildgebung primär nicht zielführend.
Orlando Guntinas-Lichius: Vielleicht ein Grund, aber korrigieren Sie mich, warum sich junge Assistentinnen und Assistenten im Alltag nicht so mit dem Riechen beschäftigen, dass wir, denke ich, noch immer ein sehr eingeschränktes diagnostisches Repertoire haben. Also, wenn wir jemanden in die Audiologie schicken, da haben wir, ich weiß nicht, inzwischen 30 Standardtests rauf und runter, obwohl wir da auch sehr viele psychophysiologische Verfahren haben. Wo wir also auf die Mitarbeit des Patienten angewiesen sind, da haben wir teilweise Probleme zu objektivieren. Daran kann es nicht allein liegen. Aber wieso ist das beim Riechen nicht so? Gerade wenn wir in die Praxis gehen, dann finden wir häufig doch noch sehr veraltete und vielleicht auch nicht ausreichende Riechtestverfahren. Woran liegt das?
Screening und differenzierte Diagnostik; Lebensqualität erfragen!
Thomas Hummel: Das ist auch ein Rätsel, also da stimme ich komplett zu. Weshalb sich das nicht richtig durchsetzt, hängt möglicherweise auch mit der Vergütung zusammen, mit der Abrechnung. Viele Dinge werden ja einfach über Abrechnung geklärt. Vielleicht eine Anekdote zu dem Ganzen: Ich war vor Jahren öfter mal in der Türkei und in Zusammenarbeit mit Aytuğ Altundağ in Istanbul, mit dem ich freundschaftlich und professionell ganz eng verbunden bin. Da gab es einmal einen Sprung: Von einem Jahr auf das andere gab es sehr viel mehr Leute, die zu dem Kongress kamen, also das Doppelte, fast das Dreifache, und da hatten sie die Vergütung in der Türkei geändert. Das war ein wesentlicher Faktor dabei. Ich denke, mit Corona hat es sich etwas verändert, dass tatsächlich mehr Riechtests durchgeführt werden, auch in den Niederlassungen, dass hier ganz oft auch schlichte Riechtests, Sniffin' Sticks – in Deutschland vor allen Dingen Sniffin' Sticks und weniger UPSIT – gefunden werden. Man kann ja mit einfachem Screening innerhalb von vier Minuten oder sechs Minuten eine halbwegs zuverlässige Diagnose stellen, also zumindest was Screening angeht, unterscheiden zwischen Anosmie und Normosmie. Das ist, glaube ich, schon häufiger geworden, wobei ich die Zahlen nicht kenne, also von den Verkaufszahlen her. Da gibt es ja einen Hersteller, eine Firma bei Hamburg, in Wedel, die das herstellt, die Sniffin' Sticks, und vertreibt. Ich weiß jetzt nicht, wie die Zahlen sich verändert haben, aber es wäre interessant, da noch mal nachzufragen. Das ist vielleicht eine zuverlässige Statistik, wie Riechtests in der Praxis angekommen sind.
Orlando Guntinas-Lichius: Vielleicht muss man da auch ein bisschen unterscheiden – Sie haben den Begriff schon genannt – zwischen Screening und differenzierter Diagnostik. Wenn Sie sich etwas wünschen würden, wie wäre denn für Sie die optimale Ausstattung, was Screening betrifft und auch differenzierte Diagnostik bei einem HNO-Arzt? Was muss der eigentlich oder sollte der im Idealfall vorhalten?
Thomas Hummel: Da hatten wir vor Kurzem auch eine Arbeit dazu, in der wir das auseinandersortiert hatten, ein internationales Paper (). Und da würden wir raten zu einer Visuellen Analogskala (VAS), also Leute fragen lassen, wie intensiv wird gerochen. Zwei Fragebögen zur Lebensqualität, also den QOD, Questionnaire of Olfactory Dysfunction (), der kommt von uns, also ist in Deutsch im Original. Und dann gibt es auch einen Fragebogen zur Lebensqualität von der WHO, den WHO-5 (). Ein schlichter Fragebogen zur Lebensqualität, der interessanterweise nicht fragt, wie schlecht fühlen Sie sich heute, sondern eher positiv kommt: Wie gut geht es Ihnen heute oder was haben Sie Positives erlebt? Das finde ich einen ganz eleganten Kniff. Und dann von der Riechtestung her wäre ein Identifikationstest, ein Screeningtest mit 12 Items, mit 12 Düften, vollkommen ausreichend als primäres Screening. Damit hat man Daten zur Lebensqualität, was entscheidend ist bei Riechstörungen, wo man ein bisschen Einblick damit kriegt, wie Patienten tatsächlich den Riechverlust erleben, und man kriegt so halbwegs objektivierende Daten über den Identifikationstest. Idealerweise würde man sich dann beim HNO-Arzt wünschen, dass hier die Schwelle mit gemessen wird, also tatsächlich die Sensibilität gemessen wird, die teilweise deutlich bessere Auskünfte bringt als eine einfache Identifikation, die nur zwischen ja und nein, also Riechvermögen vorhanden, Riechvermögen nicht vorhanden, unterscheidet. Mit der Schwelle bekomme ich mehr graduierte Antworten. Also das wäre, weil Sie fragten, was wäre mein Wunsch: Also die Riechschwelle, wenn die gemessen werden könnte, das wäre sehr gut.
Objektive Riechschwelle und subjektives Erleben
Orlando Guntinas-Lichius: Wir haben ja gerade jetzt auch eine Menge Arbeiten in Bezug auf Corona gesehen, wo wir einen deutlichen Unterschied sehen zwischen dem subjektiven Empfinden und eben dem, was sich in den Testverfahren zeigt in Bezug darauf, wenn man jemanden fragt: „Wie gut riechst du eigentlich?“ Können Sie das irgendwie erläutern? Wo kommt diese Diskrepanz her, oder vielleicht ist sie auch gar nicht da? Ich weiß nicht, was jetzt so der aktuelle Stand ist aus diesen ganzen Arbeiten zu COVID, wo ja eine Menge solcher Vergleiche gemacht wurden.
Thomas Hummel: Ich glaube, der aktuelle Stand ist, dass etwa ein Drittel der Antworten nicht kongruent sind, also was die Leute angeben und was gemessen wird. Also da gibt es keine Kongruenz, die gehen teilweise meterweit auseinander. Seit Jahren gibt es Arbeiten zu diesem Thema. Warum das so ist, denke ich, hängt damit zusammen, dass gerade beim Riechen die Symptomatik sehr verschieden erlebt wird. Es gibt Leute, die durch einen Riechverlust gar nicht beeinträchtigt sind, es gar nicht merken, wenn sie einen Riechverlust haben. Auch da gibt es nicht wenige in der Allgemeinbevölkerung, die ihr Leben einfach ganz normal weiterführen. Und dann gibt es andere, die einen marginalen Riechverlust aufweisen vom gemessenen Riechvermögen her, für die das aber eine Welt bedeutet, da sie dann ihren eigenen Körpergeruch nicht riechen können, die ihre Kinder nicht mehr riechen können. Sexualität spielt eine Rolle im Alltag… Die sich stark verunsichert fühlen. Also das wird sehr unterschiedlich erlebt, zumindest von einer Teilgruppe dieser Betroffenen. Und damit erklärt sich auch die Diskrepanz. Es kommt nicht selten vor, dass wir bei uns in unserer Poliklinik, in unserer Sprechstunde Patienten haben, die kommen, bitter klagen über den Riechverlust, wir machen eine Messung mit ihnen und finden heraus, dass sie ganz normal riechen. Genau, was Sie sagten, da gibt es diese Diskrepanz, und die kann man ihnen dann gut erklären oder zumindest teilweise erklären, wenn man auch noch nach Lebensqualität fragt und sich darum bemüht. Es ist eine andere Dimension, die gerade beim Riechen eine wichtige Rolle spielt.
Funktionen des Riechens; Lust am Kochen und reduzierte Sozialkontakte?
Orlando Guntinas-Lichius: Ich finde es gut, dass Sie das mit der Lebensqualität so betonen, denn das sehen wir ja auch bei vielen anderen Sinnesstörungen in unserem Fachgebiet, der HNO-Heilkunde, wo wir inzwischen eben gut wissen – wir wissen das ja auch bei Krebserkrankungen und anderen Erkrankungen – dass wir eigentlich auch mehr die Lebensqualität und spezifische Lebensqualität messen müssen, um den Patienten tatsächlich gerecht zu werden. Deswegen finde ich es gut, dass Sie das jetzt auch vorbringen, weil es ja auch relativ einfach im Alltag ist, solche Fragebögen mit einzubringen. Und dazu natürlich die Frage: Wie wichtig für unsere Lebensqualität ist es denn? Also, ich habe das subjektive Empfinden, es ist für die Patienten, die eine Anosmie haben, schon eine deutliche Einschränkung. Es ist immer schwierig mit den Vergleichen, aber ich glaube schon, dass es in unserer Gesellschaft eben schon eine bedeutende Lebensqualität ist.
Thomes Hummel: Da würde ich zustimmen, aber ich bin da natürlich auch…
Orlando Guntinas-Lichius: … gebiased.
Thomes Hummel: Gebiased. Was ich vorhin schon meinte, es ist ganz erstaunlich: Ganz viele Leute merken gar nicht, dass sie nicht mehr riechen können, gerade altersabhängig. Das ist sehr verblüffend. Und bei anderen Leuten, da ist es sehr stark belastend. Also, was das Erleben der Riechstörung angeht, gibt es ganz krasse Unterschiede. Trotzdem, was Sie meinen bei den Leuten, die beeinträchtigt sind durch einen Riechverlust: Da gibt es drei Dimensionen, wo sich Riechen äußert. Also die Hauptfunktionen des Riechens: die Gefahrerkennung, die soziale Funktion, Essen und Trinken. Und da spielt dann bei vielen Leuten Essen und Trinken eine große Rolle. Das ist ja doch ein großer Teil des Soziallebens, und wenn sie da nicht erleben, wie die Aromen sind, also ob jetzt Koriander in der Suppe ist oder nicht, dann ist das für die meisten Leute auch ein enormer Verlust an Lebensqualität, die sich dann letztlich auch in einer Abnahme der sozialen Kontakte äußert. Wenn sie nicht mehr riechen können, gehen sie auch nicht mehr… viele Leute hören auf zu kochen, sagen, das macht dann keinen Sinn mehr, dass sie irgendwie elegant kochen zu Hause oder Leute bekochen wollen, Leute einladen zu sich. Sie gehen auch nicht mehr in die Gaststätte, und dann schrumpft das Sozialleben innerhalb von kurzer Zeit dramatisch zusammen. Das sind so Sekundäreffekte, die oft gar nicht bedacht werden.
Orlando Guntinas-Lichius: Gehört das Schmecken zur Testung immer dazu oder kann man es getrennt sehen?
Thomas Hummel: Bei uns gehört Schmecken eigentlich immer mit dazu. Als ein schlichtes Screening haben wir vier Schmecksprays, die bei uns die Apotheke herstellt, die also quasi nichts kosten, oder sagen wir 0,50 €. Die sprühen wir einfach in den Mund und machen damit ein schmeckstoffgestütztes Interview, wo die Leute auch dann sehr gut angeben können, ob sie süß, sauer, salzig, bitter wahrnehmen können. Das ist eine wichtige Zusatzinformation, um zu trennen, ob eine Schmeckstörung vorliegt oder eine Riechstörung.
Aussagekraft des Bulbusvolumens
Orlando Guntinas-Lichius: Jetzt eben noch mal zurück zum MRT, jenseits der neurodegenerativen Erkrankung. Wie gut ist Ihre Radiologie? Sagt die Ihnen dann schon, der Bulbus ist kleiner? Oder die Bulbusgröße, spielt die für Sie eine Rolle im Alltag, oder ist das mehr so eine Verlaufskontrolle oder nur für wissenschaftliche Fragestellungen?
Thomas Hummel: Nein, nicht nur, es gibt eine Reihe von Arbeiten dazu, die zeigen, dass das Bulbusvolumen, die Bulbusgröße, mit dem Riechvermögen korreliert. Das ist nicht hundertprozentig, also es gibt gravierende, deutliche Ausnahmen. Es gibt auch Leute, die quasi ohne sichtbaren Bulbus olfactorius normal riechen können. Es gibt auch Leute, die mit einem ganz normalen Bulbusvolumen überhaupt nicht riechen können. Auch so etwas gibt es, die Extreme. Im Mittel ist es aber so, dass es schon Sinn macht, sich das Bulbusvolumen anzugucken. Die meisten oder viele Leute kommen ja auch mit einem MRT vom Kopf, und dann kostet es mich gerade mal eine Minute oder, sagen wir mal, zwei Minuten, um mir den Bulbus anzugucken. Ich habe damit eine morphologische Information über das Riechvermögen. Die muss nicht hundertprozentig stimmen, aber es gibt mir von der Morphologie her noch eine Zusatzinformation. Wenn jemand zum Beispiel einen länger dauernden Riechverlust hat, dann ist typischerweise auch das Bulbusvolumen kleiner und der Bulbus ist auch noch von der Struktur her verändert. Der wird dann zerfaserter, der ist nicht mehr rund und homogen, sondern auch an der Struktur kann man etwas erkennen.
Parosmien: fäkal riechendes Radieschen und stinkender Kaffee
Orlando Guntinas-Lichius: Ja, vielleicht ist es auch dem Umstand geschuldet, dass wir jetzt mehr drauf achten seit Corona, aber ich habe das Gefühl, wir sehen mehr Parosmien. Vielleicht fragen wir auch eher danach. Ist die Parosmie tatsächlich belastender für den Betroffenen als die Anosmie?
Thomas Hummel: Genau, die Parosmien findet man vor allen Dingen bei postviralen Riechstörungen im Rahmen der Regeneration. Da ist es so, dass ein Riechverlust auftritt, virusbedingt, und dann ist die Annahme, dass es zu einer Veränderung im Muster kommt, das von der Nase ins Gehirn projiziert wird, zum Bulbus olfactorius, und dass dann diese Fehlgerüche entstehen, die für einzelne Leute extrem belastend sein können. Genau wie Sie sagten, das ist auch extrem verstörend. Man muss sich mal in die Leute versetzen, alles riecht für sie fäkal. Ich muss mal das Wort „Scheiße“ in den Mund nehmen: Sie müssen sich vorstellen, Sie nehmen ein Radieschen in den Mund und dann schmeckt das fäkal. Also es ist gruselig, und alles, jede Zwiebel, die Sie aufschneiden und es sind ja überall im ganzen Essen, überall sind Zwiebeln drin, die riecht dann komisch. Der Kaffee, den Sie morgens so genossen haben, der riecht zum Davonlaufen. Das ganze Leben ändert sich und wird dauernd eigentlich so mit Alarmmeldungen durchsetzt. Das ist ja Stress von vorne bis hinten, die Welt stimmt nicht mehr. Und das ist so, wenn unsere Sinnessysteme nicht mehr funktionieren, das ist eine echte Katastrophe. Beim Sehen alleine oder beim Hören: Wenn ich falsche Sachen höre oder falsche Sachen sehe, ich sehe Bewegungen im Perimeter meines Auges, meines visuellen Feldes, dann ist es extrem störend, wenn das nicht stimmt, also wenn ich mich auf meine Sinne nicht verlassen kann. Und genauso ist, wie Sie auch sagten, die Parosmie für viele Patienten deutlich stärker belastend als eine Hyposmie.
Konsequentes Riechtraining kann funktionieren
Orlando Guntinas-Lichius: Da kommen wir nachher noch mal dazu, wenn wir über die Therapie von chronischen Riechstörungen sprechen. Aber lassen Sie uns zuvor der Reihenfolge nach über die akute Riechstörung sprechen, also zum Beispiel fällt mir jetzt postviral eine Riechstörung auf – haben wir eine Standardtherapie?
Thomas Hummel: Standardtherapie wäre das Riechtraining. Das ist ja seit über 15 Jahren auch bekannt, dass es zu einer Besserung führen kann. Und da gibt es mittlerweile, ich glaube, bald über 300 Studien, die zeigen, dass bei postviralen Riechstörungen ein Riechtraining sinnvoll sein kann. Klassisches Riechtraining ist ja so, dass man vier Düfte nimmt und an denen morgens und abends jeweils eine halbe Minute riecht, und das kontinuierlich in einem Zeitraum von vier bis sechs Monaten, also eine ziemlich lange Zeit. Häufig wird es so gemacht in der Praxis, dass Patienten im Haushalt an der Kaffeedose riechen, an der Zitrone riechen, und das nach zehn Tagen wieder einstellen. Also 75 % hören mit dem Riechtraining innerhalb eines Monats auf, in der Regel nach 14 Tagen, und da kann es auch schlecht die Wirkung entfalten. Aber wenn es ordentlich gemacht wird, ist Riechtraining eine sinnvolle Möglichkeit, um die Erholung des Riechvermögens zu fördern.
Orlando Guntinas-Lichius: Und Sie sagten schon, das kenne ich auch so, dass die Patienten häufig angehalten werden: „Ja, gucken Sie mal, was Sie da so an Kräutern in der Küche haben.“ Sind quasi kommerzielle Produkte besser, oder ist das standardisierter? Ist es gut untersucht, was man riechen muss beim Riechtraining, wie effektiv es ist?
Thomas Hummel: Wahrscheinlich ist es ziemlich egal, an was man riecht, also es können auch Haushaltsgerüche sinnvoll sein. Aber da ist eben das Problem, dass die Zitrone nicht mehr verfügbar ist, dass es außerdem nichts kostet. Also es ist auch eine gewisse Wertigkeit. Eben weil sie für die Therapie nichts ausgeben müssen, dann wird es auch nicht als sinnvoll empfunden. Und alleine, wenn man 2,- € ausgibt für ein Duftöl, dann hat es eine andere Wertigkeit und es ist immer verfügbar. Es ist ein kräftiger Duft, der verfügbar ist, den man sich leicht ins Badezimmer stellen kann und leicht morgens und abends benutzen kann. Also insofern würden sich dann kommerzielle Produkte empfehlen – besser als Haushaltsdüfte.
Orlando Guntinas-Lichius: Ja, und gibt es noch andere Möglichkeiten, die Compliance zu verbessern?
Thomas Hummel: Ja, gibt es. Es gibt hier schicke Apps. Es gibt eine aus Holland von der holländischen Selbsthilfegruppe „Reuksmaakstoornis“, die haben das in Deutsch und in Englisch. Und auch im englischsprachigen Raum, da gibt es auch eine hübsche: „Chrissi Kelly on smell“, CKOS. Die haben auch eine hübsche App für diese Zwecke.
Steroide ohne Wirkung bei postviralen Riechstörungen
Orlando Guntinas-Lichius: Okay, ja, ich denke, ich empfehle das auch den Patienten. Wir haben ja fast jede Woche Patienten. Ich lese das auch immer in den Briefen, wenn das Riechtraining empfohlen wird. Wir empfehlen auch ein kommerzielles, also dass man sich etwas kauft. Aber mit der Wertigkeit, das habe ich noch gar nicht so bedacht. Wie ist es denn mit den guten alten Steroiden?
Thomas Hummel: Das sind ja sehr sinnvolle und elegante Medikamente. Aber bei postviralen Riechstörungen gibt es jetzt keinen Konsens, dass sie wirksam wären.
Orlando Guntinas-Lichius: Ja, und macht es jetzt einen Unterschied bei meiner akuten Riechstörung, ob es eben eine postvirale ist oder eine traumatische, in der Therapieempfehlung? Oder muss man das unterscheiden, weil es ja auch ein anderer Mechanismus ist, der möglicherweise zur Schädigung führt?
Thomas Hummel: Ja, eigentlich ist die Therapie das Gleiche, erstaunlicherweise. Leider ist es so. Da macht sich dann der Mangel an Forschung bemerkbar. Also bei postviralen Riechstörungen, da ist es ja Riechtraining, vielleicht topisches Vitamin A. Das wären so sinnvolle Möglichkeiten. Bei posttraumatischen Riechstörungen, da gibt es leider sehr wenig Therapie. Das Einzige wäre Riechtraining, aber es ist auch ein bisserl aus Verlegenheit, weshalb man da Riechtraining anbietet.
Orlando Guntinas-Lichius: Und vielleicht noch auf den Punkt gebracht: Durch die Corona-Forschung tut sich da jetzt etwas? Ist irgendetwas in Sicht in Bezug auf Therapie akuter Riechstörungen, was vielleicht auch noch in Studien nicht abschließend bewertet ist? Wird da etwas kommen?
Plättchenreiches Plasma zurzeit in Studien, Omega-3-Fettsäuren
Thomas Hummel: Ich denke, da wird mehr Klarheit hineinkommen. Da gab es ja in jüngster Zeit eine Reihe von Arbeiten zu plättchenreichem Plasma, also PRP, das dann in die Schleimhaut, in die Riechschleimhaut oder unter die Riechschleimhaut in der Nase injiziert wird. Da müssen auch demnächst entsprechende Doppelblindstudien kommen. Es gibt derzeit eine Doppelblindstudie, die gemacht wurde, aus Kalifornien kommt sie, aus Stanford. Und die zeigt einen mittleren Effekt, der zum Beispiel den Effekt von Riechtraining nicht übersteigt. Die Methode ist deutlich teurer und unter Umständen mit Nebenwirkungen behaftet, allerdings auch geringen natürlich. Aber da wird mehr kommen an Studien, da sind einige unterwegs. Und dann vielleicht noch zu Omega-3, dass Omega-3 auch dann verwendet werden kann in hohen Dosen. Dass es auch bei posttraumatischen Riechstörungen angewendet wird.
Orlando Guntinas-Lichius: Ja, wie ist es jetzt bei den Chronischen? Wir hatten ja eben dieses Extrembeispiel mit den Parosmien. Verweisen Sie solche Patienten an eine psychotherapeutische Praxis? Wie geht man damit um? Da geht es ja mehr um Coping-Strategien, ums Damit-Umgehen. Oder gibt es überhaupt Psychotherapeuten, die sich mit so etwas auskennen, mit Riechstörungen? In Dresden werden Sie da wahrscheinlich noch am ehesten Kontakte haben. Wie gehen Sie mit den Patienten um, die wirklich extrem unter so einer chronischen, bleibenden Störung leiden?
Thomas Hummel: Also tatsächlich, ich glaube, wir hatten zwei, wenige Patienten, die wir auch zu psychosomatischen Kollegen verwiesen haben, um von da Hilfe zu erhalten, wie sie damit umgehen können, damit diese Parosmie nicht komplett den Mittelpunkt des Lebens ausmacht. Also auch, wie Sie sagten, bei manchen Patienten scheint es sinnvoll, dass man sich da professionelle Hilfe sucht. In der Regel ist es so, dass wir versuchen, das zu erklären, weil die meisten Patienten, die zu uns kommen, gar nicht wissen, wie ihnen geschieht. Das Leben ist komplett verändert, die Geruchswahrnehmungen stimmen nicht mehr. Und da ist es hilfreich, das zu erklären und auch einen Mechanismus anzugeben, dass es im Rahmen der Regeneration passiert, dass es auch ein positives Zeichen ist oder als positives Zeichen eingeschätzt wird, weil es eben mit der Regeneration von Riechzellen zu tun hat. Das wird dann auch sehr gut angenommen, und dann können die meisten Patienten auch besser damit umgehen, einfach weil sie besser verstehen, um was es sich eigentlich handelt.
Die Komponenten für Riechimplantate existieren bereits
Orlando Guntinas-Lichius: Und welche Rolle spielen Ansätze, die, glaube ich, auch Sie verfolgen mit – ich sage jetzt mal „Riechprothese“, also dass man tatsächlich versucht, das Organ zu ersetzen. Wie weit sind Sie da oder auch andere?
Thomas Hummel: Das ist sehr spannend. Das ist tatsächlich ein olfaktorisches Implantat, in Analogie zum Cochlea-Implantat, das man machen könnte. Da hatten wir bis Ende letzten Jahres auch einen EU-Antrag dazu, der sich damit beschäftigt hat, und da hat man erste Vorversuche gemacht. Es gibt die Idee, dass hier ein Sensor quasi an den Naseneingang kommt. Der Sensor erkennt die Düfte, über ein Interface wird dann die Aktivierung zum Bulbus olfactorius gespielt oder zum piriformen Kortex oder zur Amygdala und führt dann da zu entsprechenden Aktivierungen, die als dieser Duft erlebt werden. Das ist möglich, da ist ja gerade viel passiert mit Implantaten im Gehirn an verschiedenen Orten. Die Elektroden dazu sind da, die auch dafür lizenziert sind. Darauf kann man zurückgreifen. Die Sensortechnik ist da, da gibt es ganz viele Firmen, die so etwas anbieten, Sensoren, die auch gut funktionieren, mit denen man Düfte erkennen kann. Die Interfaces sind da, die man verwenden kann. Also die einzelnen Bestandteile, die gibt es alle. Wir hatten die in unserem Projekt auch verschiedentlich getestet. Und dann als Höhepunkt von dem Ganzen gewissermaßen hatten wir einen Patienten bei einer Wach-OP in der Neurochirurgie, den wir genauso gereizt hatten im Bulbus olfactorius und der dann auch zum Beispiel Zitrone erlebt hatte, oder Spinat war es bei einem anderen Patienten.
Orlando Guntinas-Lichius: Ja, toll!
Thomas Hummel: Also es geht, man kann solche Empfindungen auslösen. Da ist noch ein ganzes Stück, also noch ein weiter Weg dahin, um so ein Implantat tatsächlich anbieten zu können, aber es scheint zu funktionieren, und wir sind ganz optimistisch, dass wir da hinkommen können.
Orlando Guntinas-Lichius: Ja, und auf der anderen Seite vielleicht auch neuroregenerative Ansätze. Stammzellen? Ich weiß nicht, was sich in dem Feld tut. Man würde ja theoretisch herankommen. Ob man da auch Zellen implantieren kann, injizieren kann? Ich weiß nicht, was sich in dem Feld tut. Tut sich da etwas oder funktioniert das nicht?
Stammzellen könnten helfen
Thomas Hummel: Es tut sich schon etwas. Aber um das nur zu ergänzen mit dem Implantat: Da gibt es auch Leute in Boston, die daran arbeiten, auch in China weiß ich von Leuten, die sich damit beschäftigen. An verschiedenen Orten wird das aufgegriffen. Viele Leute glauben daran, dass es sinnvoll sein könnte. Zur Regenerationsunterstützung durch Stammzellimplantate: Da gab es eine ganz begeisternde Arbeit vor fünf Jahren von Brad Goldstein von der Duke University, die an Mäusen gezeigt hat, dass es funktionieren kann. Seitdem gibt es auch tatsächlich zum Beispiel in Genf eine Gruppe, von der ich weiß, dass sie daran intensiv arbeitet. Oder in den USA, in Boston auch wieder, weiß ich, dass es hier eine Gruppe gibt. Da geht es dann zum Beispiel auch um Wachstumsfaktoren oder um Faktoren, die das Wachstum oder die Regeneration oder die Aktivierung von horizontalen Basalzellen verändern. Es gibt auch eine Firma, die seit Jahren daran arbeitet, auch in Boston angesiedelt. Ich denke, es ist damit zu rechnen, dass es vielleicht sogar demnächst, in den nächsten Jahren, auch ein Produkt gibt, das man dann anwenden könnte, um tatsächlich die horizontalen Basalzellen zur Regeneration zu bewegen. Superspannend!
Wer ins spezialisierte Riechzentrum gehen sollte
Orlando Guntinas-Lichius: Ja, das finde ich auch. Ich höre es auch, wie spannend es ist und wie sehr Sie sich für das Thema begeistern. Welche Patienten dürfen wir denn zu Ihnen schicken? Also spezialisierte Riechzentren gibt es ja nicht so viele in Deutschland, schon gar nicht in der Größe wie bei Ihnen. Was sind denn tatsächlich Patienten, die nach Dresden gehören? Was würden Sie da sagen? Ich weiß jetzt nicht, wie die Zuweiserstrukturen aus Deutschland sind, aber Sie werden wahrscheinlich eine Menge Patienten haben, die von sich aus kommen. Gerade die mit bleibenden Störungen, wenn die ins Internet gehen, werden sie ja an Dresden nicht vorbeikommen. Welche Patienten sind bei Ihnen gut aufgehoben, allein durch die interdisziplinäre Struktur?
Thomas Hummel: Das ist eine gute Frage. Zu uns kommen eben alle möglichen Patienten. Wo wir eine spezifische Untersuchung mit der Kinderklinik zusammen haben, das ist bei Kindern mit kongenitaler Anosmie. Da versuchen wir, das auch genetisch zu erfassen, welche Störungen da vorliegen. Und dann natürlich die Leute mit langdauerndem Riechverlust. Oder bei Leuten, wo es um die Objektivierung der Riechstörung geht – auch das führen wir durch mit evozierten Potenzialen. Dass wir Düfte in die Nase geben und evozierte Potenziale ableiten und versuchen, das zu objektivieren. Und da kommen dann auch etliche Leute zu uns, wo das quasi objektiviert werden müsste.
Take-Home-Messages: Riechverlust schränkt ein, für Regeneration besteht Hoffnung, Bewertung und Begleitung durch HNO-Ärzte
Orlando Guntinas-Lichius: Vielleicht zum Schluss schon so ein bisschen zusammenfassend, welche drei Messages – auf Neudeutsch heißt es ja Take-Home-Messages – würden Sie denn gerne unseren Zuhörerinnen und Zuhörern mitgeben in Bezug auf das Riechen?
Thomas Hummel: Ich glaube, als Erstes würde ich sagen: Riechen ist nicht wichtig – und doch! Ohne Riechen ist das Leben deutlich eingeschränkt. Das Zweite ist, dass Riechen sich erneuern kann, also dass die Riechzellen nachwachsen können und dass das die Hoffnung ist für Patienten mit Riechverlust, dass sich hier etwas neu bilden kann. Und das Dritte ist, dass Riechen eben basierend auf dieser Regenerationsfähigkeit und Plastizität, dass ein Riechverlust gemessen werden sollte und begleitet werden sollte von der HNO-ärztlichen Seite. Ich denke, man sollte es nicht an die Neurologie abgeben, sondern wir, die HNO, ist die Disziplin, die in die Nase gucken kann, die sich die Riechschleimhaut direkt anschauen kann. Das ist so etwas, das nur die HNO kann. Und ja, für Patienten, dass das Riechen sich eben bessern kann und dass es hier Möglichkeiten gibt, um das zu verbessern.
Orlando Guntinas-Lichius: Ja, aber wir haben ja auch gehört, dass wir da noch eine Menge tun müssen. Ja, lieber Herr Hummel, ich bin ganz begeistert, wie begeistert Sie nach den vielen Jahren Riechforschung von dem Thema noch sind. Und ich habe eine Menge gelernt in der letzten Dreiviertelstunde, und ich hoffe, dass es auch unseren Zuhörerinnen und Zuhörern so gegangen ist. Was ganz wichtig ist: Herr Professor Hummel hat ja Publikationen genannt und das ein oder andere. Es wird ja auch ein Transkript geben zu diesem Podcast, und da werden wir im Nachgang auch versuchen, das alles zu verlinken, dass Sie dann die entsprechenden Hinweise auch nachrecherchieren können.
Was ganz wichtig ist, liebe Zuhörerinnen, liebe Zuhörer, wir sind auch für Ihre Rückmeldungen sehr dankbar und sind darauf angewiesen. Wir würden uns natürlich über Kritik genauso freuen wie über positive Rückmeldungen, vor allem natürlich auch, wo Sie denken, wo wir bei dem Podcast noch etwas besser machen können, und auch natürlich, welche Themen Sie interessieren. Also Feedback, wir würden uns freuen. Ich denke, dass Herr Hummel als der Experte im Bereich Riechen in Deutschland uns hier noch mal wirklich upgedated hat in Bezug auf das, was man über Riechen wissen muss. Also, ich hab auf jeden Fall eine Menge mitgenommen. Wenn Sie Ideen haben, Kritik äußern wollen oder uns loben wollen, gerne eine E-Mail schicken an podcast@infectopharm.com. Und damit bleibt mir nur zu sagen: HNO-Heilkunde ist doch ein spannendes Fach. Herr Hummel hat es gerade auch noch mal betont, das Riechen und die Riechstörung und die Diagnostik und Therapie gehören in unsere Hände. Da bin ich natürlich voll bei ihm, und deswegen kann ich nur sagen: HNO ist einfach ein tolles Fachgebiet. Wir werden sicherlich noch viele tolle Themen in diesem Podcast behandeln und deswegen, liebe Zuhörerinnen, liebe Zuhörer, schenken Sie uns auch in Zukunft Ihr Ohr. Ihr Orlando Guntinas-Lichius.
Thomas Hummel: Vielen Dank.
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Das war consilium – der HNO-Podcast. Bitte bewerten Sie diesen Podcast und vor allem: Empfehlen Sie ihn Ihren Kollegen! Schreiben Sie uns gerne bei Anmerkungen und Rückmeldungen an die E-Mail-Adresse podcast@infectopharm.com. Die E-Mail-Adresse finden Sie auch noch in den Shownotes. Vielen Dank fürs Zuhören und bis zur nächsten Folge.